Dekra

Ablenkung am Steuer

| Redakteur: Konrad Wenz

Das kurze anschauen einer SMS während der Fahrt ist mit einem Blindflug gleichzusetzen.
Das kurze anschauen einer SMS während der Fahrt ist mit einem Blindflug gleichzusetzen. (Bild: Thomas Küppers)

Die Teams der DEKRA Unfallforschung waren im Mai 2017 in fast allen Bundesländern unterwegs und beobachteten insgesamt mehr als 15.000 Pkw-Fahrer im Hinblick auf das Thema Ablenkung. Dabei war die Smartphone-Nutzung mit insgesamt 7 % die mit Abstand häufigste Ablenkungsart. Sie war außerdem innerorts (7,1 %) häufiger als außerorts (6,7 %) und auf der Autobahn (5,8 %). Dies berichtete Dekra-Vorstandsmitglied Clemens Klinke am Dienstag anlässlich der Dekra-Pressekonferenz zur IAA in Frankfurt.

„Leider machen sich zu viele Autofahrer immer noch nicht klar, wie gefährlich es ist, wenn sie während der Fahrt am Steuer ihr Smartphone nutzen“, Klinke. Studien und Schätzungen aus Deutschland und den USA gehen davon aus, dass mittlerweile jeder zehnte Todesfall im Verkehr durch das Thema Ablenkung verursacht wird. Das entspricht für Deutschland jährlich rund 320 getöteten Menschen – und das sind deutlich mehr, als etwa bei Alkoholunfällen ums Leben kommen (2016: 225 Getötete).

„Man muss die Frage stellen: Wer von uns würde als Autofahrer freiwillig während der Fahrt auch nur für fünf Sekunden die Augen schließen? Das täten ganz sicher die allerwenigsten“, sagte Klinke. „Während der Fahrt auf das Smartphone zu schauen, ist dagegen für viele ganz normal. Dabei ist der Effekt im Grund derselbe.“ Wer bei 50 km/h drei Sekunden auf das Handy statt auf die Straße schaut, ist in dieser Zeit fast 42 Meter im Blindflug unterwegs. Bei fünf Sekunden sind es fast 70 Meter.

Die Folgen dieses Blindflugs hat Dekra kürzlich auf einem Verkehrsübungsplatz demonstriert. Probanden sollten mit 30 km/h durch den Parcours fahren und nebenbei Smartphone-Nachrichten schreiben. Währenddessen trugen sie eine so genannte Eyetracking-Brille, die die Augenbewegungen per Kamera verfolgt und damit zeigen kann, wohin der Träger schaut.

„Viele der Probanden reagierten etwa auf einen Ball, der plötzlich über die Straße rollte, überhaupt nicht“, berichtete Klinke. „Wenn man bedenkt, dass hinter einem Ball oft ein Kind auf die Straße läuft, wird klar, wie gefährlich die Ablenkung in diesem Fall ist.“ Mehrere Probanden überfuhren außerdem ein rotes Ampelsignal. „Das sind ganz typische Fahrfehler aufgrund von Ablenkung, die schwere Unfälle verursachen können“, so Klinke.

Psychologen sprechen von einer so genannten „Inattentional Blindness“, also einer Unaufmerksamkeits-Blindheit: Man fokussiert die Aufmerksamkeit so auf das Smartphone, dass Umgebungsreize und Hinweise auf mögliche Gefahren komplett ausgeblendet werden – immer wieder mit verheerenden Folgen.

„Viele Maßnahmen haben in den vergangenen Jahrzehnten große Erfolge für die Verkehrssicherheit gebracht – vom Sicherheitsgurt und der entsprechenden Gurtpflicht über den Airbag und Systemen wie ABS und ESP bis hin zu besserer Straßenplanung und verbessertem Rettungswesen“, so Klinke. „Doch wir gehen inzwischen viel zu leichtfertig mit diesem Thema um. Jeder Verkehrstote ist einer zu viel. Und das wachsende Problem der Ablenkung am Steuer droht den Abwärtstrend bei der Zahl der Verkehrstoten aufzuhalten oder womöglich sogar umzukehren. Das dürfen wir nicht zulassen.“

Der Appell des Dekra-Experten an alle Autofahrer ist deshalb eindeutig: Hände ans Lenkrad – Augen auf den Verkehr. „Wir brauchen dringend ein ganz neues Problembewusstsein“, sagt Klinke und setzt auf gesellschaftliche Veränderung – wie beim Thema Alkohol. „Früher galt es als Kavaliersdelikt, nach einem fröhlichen Abend bei Bier und Wein mit dem Auto nach Hause zu fahren. Das hat sich fundamental geändert – heute ist ein solches Verhalten gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert. In Sachen Ablenkung durch Smartphones am Steuer müssen wir aus meiner Sicht zu genau derselben sozialen Ablehnung kommen.“

Für diese Aufklärung arbeitet Dekra mit der Auto-Bild zusammen. Mit einer gemeinsamen Aufkleber-Aktion unter dem Motto „Handy weg – Dein Leben zählt!“ appellieren beide Partner an das Risikobewusstsein der Verkehrsteilnehmer.

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