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VW Nutzfahrzeuge Edler E-Bulli

| Autor: Steffen Dominsky

Volkswagen Nutzfahrzeuge und E-Classics haben einen alten T1 mittels aktueller Serienkomponenten ins E-Zeitalter transformiert – ein modernes Fahrwerk mit Mehrlenkerachsen inklusive. Das Beste: Den „E-Bulli“ kann sich jeder, der will, in die eigene Garage stellen – der Umbau startet bei rund 65.000 Euro

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Der E-Bulli ist mehr als ein einfacher Umbau eines T1 auf Elektroantrieb.
Der E-Bulli ist mehr als ein einfacher Umbau eines T1 auf Elektroantrieb.
(Bild: VWN)

Am Anfang stand die Idee, einen historischen Bulli auf batterieelektrischen Antrieb umzubauen. Doch nicht irgendwo in einer US-amerikanischen „Schrauberhöhle“, sondern im niedersächsischen Hannover, genauer gesagt bei Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN). Dazu bildetet die Ingenieure und Designer ein Team mit den Antriebsexperten von Volkswagen Group Components und dem auf Elektroauto-Umbauten spezialisierten Unternehmen eClassics E-Classics. Als Basis für den künftigen „E-Bulli“ wählte das Team einen 1966 in Hannover produzierten T1 Samba-Bus. Fest stand von Beginn an: Mit dem E-Bulli sollte ein T1 entstehen, der die aktuellen E-Antriebskomponenten des Volkswagen-Konzerns nutzt. Laut VWN zeigt die Studie exemplarisch, welch großes Potenzial in diesem Konzept steckt.

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So wich der bekannte 1,5-L-Vierzylinder-Boxermotor mit 32 kW (44 PS) einem Elektromotor mit 61 kW (83 PS). Mit einem maximalen Drehmoment von 212 Nm bietet der neue Antrieb mehr als die zweifache Kraft des ursprünglichen Motors mit 102 Nm. Das maximale Drehmoment steht E-Motor-typisch sofort zur Verfügung. Nie soll sich ein „offizieller“ T1 so kraftvoll fahren lassen wie dieser, versprechen seine Macher. „Er wird dabei zu einem in dieser Art neuen, lautlosen Cruiser, der die Faszination des emissionsfreien Antriebs mit dem unvergleichlichen Stil eines klassischen Bullis verbindet.“ Die Kraftübertragung erfolgt mittels 1-Gang-Getriebe. Gekoppelt ist das Antriebssystem an den nun zwischen dem Fahrer- und Beifahrersitz angeordneten Schalthebel. In Stufe B kann der Fahrer den Grad der Rekuperation – der Energierückgewinnung beim Bremsen – variieren.

Lässt sich laden wie jedes moderne E-Fahrzeug

Als Höchstgeschwindigkeit erreicht der E-Bulli abgeregelte 130 km/h (elektronisch abgeregelt) – immer 25 mehr als das Urmodell. Analog zum Boxermotor treibt im Heck des 2020er Buses eine integrierte Kombination aus Getriebe und Elektromotor die Hinterachse an. Für die Energieversorgung der E-Maschine ist eine Lithium-Ionen-Batterie zuständig. Ihr nutzbarer Energiegehalt beträgt 45 kWh. Eine zusammen mit E-Classics abgestimmte Leistungselektronik im Heck steuert den Hochvoltenergiefluss zwischen der E-Maschine und der Batterie und wandelt dabei den gespeicherten Gleichstrom (DC) in Wechselstrom (AC) um. Über einen sogenannten DC/DC-Wandler wird zudem die Bordelektronik mit 12 Volt versorgt. Alle Serienteile des E-Antriebs werden von Volkswagen Group Components in Kassel hergestellt. Aus dem Komponentenstandort Braunschweig kommen die dort konzipierten Lithium-Ionen-Module hinzu, die von E-Classics in ein für den T1 passendes Batteriesystem transferiert werden.

Wie beim neuen ID 3 und dem künftigen ID Buzz ist die Hochvolt-Batterie mittig im Fahrzeugboden untergebracht. Diese Anordnung senkt den Schwerpunkt und verbessert so die Fahreigenschaften – aber das gilt ja für zahlreiche E-Fahrzeuge. Geladen wird die Batterie über eine CCS-Ladedose (CCS = Combined Charging System). Sie gestattet das Laden mit Wechsel- und Gleichstrom. Wechselstrom: Über einen AC-Schnelllader wird die Batterie je nach Stromquelle mit 2,3 kW bis 22 kW Ladeleistung aufgeladen. Gleichstrom: Dank der CCS-Ladedose kann die Hochvolt-Batterie darüber hinaus auch an DC-Schnellladesäulen mit bis zu 50 kW Ladeleistung in lediglich 40 Minuten auf 80 Prozent geladen werden. Die Reichweite mit einer Batteriefüllung soll laut Erbauern des E-Bulli bei mehr als 200 Kilometern liegen.

Neues Fahrwerk für ein Plus an Komfort, Dynamik und Sicherheit

Verantwortlich für das im Vergleich zum Ur-T1 völlig veränderte Fahrgefühl ist auch das ebenfalls neu konzipierte Fahrwerk. Es verfügt nun über eine Mehrlenker-Vorder- und Hinterachse mit verstellbaren Stoßdämpfern und Gewindefederbeinen sowie eine neue Zahnstangenlenkung. Vier innenbelüftete Scheibenbremsen bringen die Fure bei Bedarf rasch und fadingfrei zum Stillstand.

Volkswagen modifizierte aber nicht nur die Technik, sondern auch das Exterieur- und Interieur-Design des E-Bulli. Entwickelt wurden die neue Optik und die entsprechenden technischen Lösungen vom VWN-Designzentrum in Kooperation mit Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer und dem Bereich Kommunikation. Die Designer haben das in der neuen Zweifarblackierung „Energetic Orange Metallic“/„Golden Sand Metallic Matt“ lackierte Exterieur mit angeblich sehr viel Fingerspitzengefühl modernisiert. So sollen Details wie die neuen LED-Rundscheinwerfer mit Tagfahrlicht die Transformation in die Neuzeit andeuten. Im Heck gibt es zudem LED-Ladeindikatoren: Sie signalisieren dem Fahrer bereits beim Zuschreiten auf das Fahrzeug, wie viel Energie noch in der Lithium-Ionen-Batterie vorhanden ist.

Wer hingegen durch die Scheiben in den achtsitzigen Innenraum blickt, erkennt, dass auch hier einige Dinge nicht so sind, wie man sie bei einem T1 vermuten würde. So haben die Designer von VWN im Interieur vieles neu konzipiert, ohne dabei das Original aus den Augen zu verlieren. Die Sitzanlage gehört zu den neuen Features; sie ist – korrespondierend mit der Außenlackierung – zweifarbig in „Saint-Tropez“/„Saffrano Orange“ ausgeführt.

Auch Umbauten auf Basis eines T2 oder T3 möglich

Zwischen Fahrer- und Beifahrersitz in einer Konsole platziert wurde der neue Automatik-Wählhebel. Hier ebenfalls integriert: die Start-Stopp-Taste für die E-Maschine. Massivholz in Schiffsdielenoptik kommt am Fußboden zum Einsatz und soll zusammen mit den hellen Lederfarben einen maritimen Charakter vermitteln. Samba-typisch gibt es natürlich ein großes Panorama-Faltdach. Behutsam modifiziert wurde auch das Cockpit. Dem Original nachempfunden ist der neue Tacho mit einem integrierten, zweizeiligen Display im sonst analogen Tacho. Es informiert den Fahrer unter anderem über die Reichweite. Leuchtdioden zeigen zudem an, ob etwa die Parkbremse angezogen oder der Ladestecker angeschlossen ist.

Über einen in die Dachkonsole integrierten Tablet-PC wird eine Vielzahl von weiteren Informationen angezeigt. Via Volkswagen „We Connect“ kann der Fahrer des E-Bulli auch online per Smartphone-App oder über den PC und ein entsprechendes Web-Portal Infos wie etwa zur verbleibenden Ladezeit, zur aktuellen Reichweite, zu den gefahrenen Kilometern und Fahrzeiten oder dem Energieverbrauch inklusive Energierückgewinnung (Rekuperation) abrufen. Die Musik holt stilecht ein Radio im Retro-Look an Bord, allerdings mit modernster Technik wie DAB+, Bluetooth und USB. Gekoppelt ist es an ein Soundsystem mit unsichtbaren Komponenten inklusive aktivem Subwoofer.

Für den, der sich mit einer solchen Art Oldtimer anfreunden kann, vielleicht das Beste: Der E-Bulli ist kein exklusives Einzelstück, sondern kann bei eClassics käuflich erworben werden. Angeboten wird der T1-Umbau dort zu Preisen ab 64.900 Euro inklusive der neu entwickelten Vorder- und Hinterachse. Auch T2- und T3-Umbauten bietet das Unternehmen an. Qualifizierten Händlern offeriert E-Classics zudem ein einbaufertiges Teile-Kit.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group, Vogel Business Media GmbH & Co. KG