Fahrbericht Mercedes Citan Tourer: Mehr als ein Kuckucksei

Autor / Redakteur: sp-x / Marie-Madeleine Aust

Im nächsten Jahr feiert der Hochdachkombi Mercedes Citan seinen 10. Geburtstag. Das Besondere daran ist seine Herkunft. Der Stuttgarter Konzern nutzt für den Citan seine Zusammenarbeit mit Renault und dessen Erfolgsmodell Kangoo. Das gilt auch für den neuen Citan, in dem allerdings viel mehr Mercedes steckt als bisher.

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Der neue Mercedes Citan steht in den Startlöchern.
Der neue Mercedes Citan steht in den Startlöchern.
(Bild: Mercedes-Benz)

Ein Mercedes muss immer etwas Besonderes sein. Ein Leitspruch, der seit einem guten Jahrhundert Heerscharen von Kunden in aller Welt dazu verleitet, mehr Geld für einen Mercedes als für ein Konkurrenz-Modell auszugeben. Kein Wunder also, dass es 2012 Menschen gab, die beim Erscheinen des Kleintransporters Citan oder dessen Variante als Familienkombi mit hohem Dach irritiert waren. Der nämlich war unschwer als Renault Kangoo zu erkennen, trug aber einen dicken Stern an Bug und Heck.

Zwei Jahre zuvor nämlich war die Allianz zwischen Mercedes und Renault-Nissan geschmiedet worden. Und weil die Stuttgarter mit dem kleinen Vaneo, einem Ableger der ersten A-Klasse, einen Reinfall verkraften mussten, kam das deutsch-französische Bündnis gerade recht. Mercedes hatte kein eigenes Modell in der immer wichtiger werdenden Klasse der kleinen Nutzfahrzeuge und bediente sich gerne im Renault-Stall. Der Kangoo, eines der erfolgreichen Autos seiner Art, sprach von nun an auch schwäbisch und erlebt jetzt seine zweite Generation, die als Pkw ab rund 26.500 in den Handel kommt.

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Natürlich schwebt auch beim neuen Citan der Renault-Gedanke im Hinterkopf. Auch wenn die technischen Experten und Manager bei der Beschreibung des 4,50 Meter-Neulings nie den Namen „Renault“ verwenden, sondern stets den Begriff „Kooperationspartner“ wählen. Durchaus zurecht: Denn Mercedes brachte viel Eigenes in die Entwicklung ein, bei der Verfeinerung des Fahrwerks, des Innenraums der Sicherheitstechnik oder durch Designretuschen an der Außenhaut. Beim neuen Citan wurde trotz vieler Ähnlichkeiten aus einem eingekauften Kangoo von einst ein Gemeinschaftsprojekt, in dem jede Menge Mercedes steckt.

Marcus Breitschwerdt, der Chef der Mercedes-Benz Vans verknüpft die neue Gegenwart mit der Zukunft: „Dieser Citan ist das letzte Neufahrzeugprojekt für Gewerbekunden von Mercedes-Benz Vans mit Verbrennungsmotoren“. Doch es geht nicht nur um die Käufer, die mit ihrem Citan beruflich unterwegs sein werden, die mit ihm Waren und Sonstiges transportieren oder als Servicetechniker unterwegs sind. Auch Familien mit Kindern, Freizeitsportler oder Senioren, die die hohe Sitzposition und die gute Übersicht schätzen, sind von jeher Citan-Fans.

E-Citan ab Mitte 2022

Erste Testfahrten in Hamburg. Unter der kurzen, leicht abfallenden Motorhaube meldet sich beim Druck des Startknopfs ein recht kleiner Benziner mit gerade mal 1,33 Litern Hubraum. Immerhin ist es ein Vierzylinder, der das Spitzenmodell der Citan-Familie bewegt. Er stammt auch von Renault und passt gut in ein Auto, dessen Nutzer sich zumindest hinterm Steuer nicht sportlich betätigen wollen, Auch für die Privatleute ist dieser Citan wohl der letzte, der an die Tankstelle fahren muss. Ab Mitte nächsten Jahres soll es dann den e-Citan geben, der mit der Kraft einer 44 kWh-Batterie gut 285 Kilometer weit kommen soll.

Ebenfalls in den Startlöchern des zweiten Halbjahres 2022 steht ein ganz besonderes Modell, wieder auf Basis des Citan. Der edle Familien-Van EQT mit bis zu sieben Sitzen ergänzt die vollelektrische EQ-Familie und wird sich auch optisch deutlich vom Renault Kangoo unterscheiden und ist mit 4,95 Metern erheblich länger. Technische Details wie Leistung, Batteriegröße oder Reichweite nennt Mercedes derzeit noch nicht.

Modernste Sicherheitstechnik

Doch das ist noch Zukunftsmusik, der aktuelle Citan Tourer wird noch per Sechsgang-Getriebe geschaltet, muss sich über die Reichweite dank eines 54-Liter-Tank keine Gedanken machen. Sein Innenraum gereicht einem ganz normalen Pkw zur Ehre. Auch hier ist der Grundaufbau des Armaturenbretts ähnlich der des Kangoo. Spätestens, wenn die Mercedes-typischen kreisrunden Luftdüsen ins Auge fallen, endet der Vergleich, beim Kangoo sind die rechteckig. Der Citan bietet auch Funktionen des MBUX-Systems, das in 28 Sprachen auf das Stichwort „Hey Mercedes“ reagieren kann. Natürlich glänzt der Tourer mit einer Fülle an modernen Assistenzsystem. Automatisches Spurhalten, Toter-Winkel-Warner und Verkehrsschilderkennung mit selbsttätigem Einhalten des Tempolimits sind sogar serienmäßig. Bestellt werden kann auch ein Seitenwind-Assistent, Abstandsradar und vieles mehr.

Mit dem prallen Angebot an modernster Sicherheitstechnik verstärkt sich der Eindruck, in einem echten Mercedes zu sitzen, auch wenn all das zum Glück auf der Jungfernfahrt gar nicht zum Einsatz kommen musste. Lobenswert die Souveränität dank passgenauer Lenkung und gut dosierbarer Bremsen in Verbindung mit der durch großzügige Verglasung perfekten Übersicht. Nicht vergessen: Der Tourer stammt von einem Arbeitstier ab. Die hinteren Schiebetüren sind bei einem Nutzfahrzeug Pflicht, bei einem Familienkombi aber mehr als willkommen. Auch wenn man keine zwei Europaletten wie in den Transporter einladen kann, punktet der der Citan Tourer in privater Hand beim Beladen mit überragender Üppigkeit: Mit einem Stauraum bis zu 2.390 Liter geht beim Großeinkauf eher das Haushaltsgeld zur Neige als die räumliche Fähigkeit des Tourer.

Spitzengeschwindigkeit 183 km/h

Natürlich müssen die eigenen Ansprüche an die Bestimmung eines Citan angepasst werden. Das kleine Triebwerk bringt es mit sich, dass selbst der mit 96 kW/131 PS stärkste Citan im Autobahn-Gehetze eher zurückstecken muss und die Papierform-Spitze von 183 km/h nur recht mühsam erreicht. Was soll´s, typische Fahrer eines solchen Autos gehören zu der gelassenen Sorte. Sie können sich trotzdem über die ordentliche Durchzugskraft im Alltagsverkehr freuen und sehen die Welt nun mal mit anderen Augen als PS-hungrige Zeitgenossen mit schwerem rechtem Fuß und bleiben beim Fahren wahrscheinlich eher im Bereich des WLTP-Normverbrauchs von 6,6 -7,1 Litern. Unterm Strich ist der neue Citan alles andere als das sprichwörtliche Ei im Kuckucksnest, passt gut in die Mercedes-Familie, wenn es um bezahlbaren Bedarf an Raum und Komfort geht. Die nächstgrößere V-Klasse kostet nämlich mindestens 42.900 Euro.

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