MAN Neue Baureihe mit vielen kleinen Verbesserungen

Autor / Redakteur: Hans-Jürgen Wildhage / Jan Rosenow

20 Jahre nach der „Trucknology Generation“ (TG) führt der Münchener Nutzfahrzeughersteller MAN eine Nachfolgemodellreihe ein. Sie besitzt eine neue Elektrik-Elektronik-Architektur und auf Wunsch volldigitale Instrumente.

Firmen zum Thema

MAN präsentierte im Februar 2020 seine neue Lkw-Generation: TGL, TGS, TGX und TGM (von links nach rechts).
MAN präsentierte im Februar 2020 seine neue Lkw-Generation: TGL, TGS, TGX und TGM (von links nach rechts).
(Bild: MAN Truck & Bus SE)

Eine neue Modellreihe steht beim Münchner Nutzfahrzeughersteller MAN vor der Markteinführung. Sie löst die seit 20 Jahre gebaute „Trucknology Generation“ (TG) ab. Die Namen bleiben wie gehabt: TGX für den Fernverkehr, TGS für den Nah- und Baustelleneinsatz, TGM heißen die mittelschweren 12- bis 26-Tonner, und der TGL bedient das leichte Lastwagensegment von 7,5 bis 12 Tonnen zulässiger Gesamtmasse. In die außen optisch leicht veränderten Kabinen zieht neue Technik mit neuer Elektrik-Elektronik-Architektur und auf Wunsch volldigitalem Instrumentarium ein. Unter den Fahrerhäusern arbeiten die erst 2019 aufgefrischten Euro-VId-Motoren in den bewährten Chassis.

Bei der Vorstellung seiner neuen Fahrzeuggeneration – von der künstlichen Begrifflichkeit Trucknology hatte sich das Unternehmen schon vor längerer Zeit verabschiedet – legte MAN den Schwerpunkt zunächst auf die Fernverkehrsmodelle aus der TGX-Baureihe. Ihr äußeres Kennzeichen sind zwei breite Hochdachfahrerhäuser namens GM und GX. Sie folgen auf die bisherigen Varianten XLX und XXL. Dabei bietet die größere Variante GX auch den größten Fortschritt: Die vergleichsweise riesige Frontscheibe, ähnlich wie beim Omnibus, wird durch eine normal hohe ersetzt. Dadurch stehen nun oberhalb der Windschutzscheibe Fächer mit sehr viel Stauraum zur Verfügung.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 7 Bildern

Die übrigen Raumverhältnisse in den TGM- und TGX-Kabinen entsprechen jenen der bisherigen XLX- und XXL-Fahrerhäusern. Dazu zählen eine Vielzahl an weiteren Ablage- und Staumöglichkeiten sowie eine vergleichsweise komfortable Ruhestätte hinter den Sitzen. Der ehedem störend wirkende Kasten neben dem Fahrerarbeitsplatz, der früher den Bedienschalter für das automatisierte Schaltgetriebe nebst Handbremsventil – und zuletzt nur noch die Feststellbremse – beherbergte, wird komplett abgeschafft. An die Stelle der mechanisch-pneumatischen Lösung für die Federspeicherbremse tritt eine elektrisch bediente und elektronisch kontrollierte Parkbremse. Ihr Bedienschalter fügt sich nahtlos in die neu konzipierte Armaturentafel ein.

Das Cockpit der neuen MAN-Generation ist im Mittelteil nun leicht zum Fahrer hin angewinkelt. Das kostet zwar etwas Bewegungsraum beim Durchstieg vom und zum Fahrerplatz, bietet ansonsten aber nur Vorteile – nicht ohne Grund folgen alle Lkws von DAF bis Volvo einem solchen Layout.

Der Bildschirm ist kein Touchscreen

Das Hauptanzeigeinstrument hinter dem Lenkrad zeigt Geschwindigkeit und Motordrehzahl sehr klar und deutlich an. Dazwischen liefert die Fahrzeugelektronik auf einer großen Bildschirmfläche zum Beispiel fahrtrelevante Informationen zahlreicher Assistenzsysteme. Dieses Infosegment wird über Tasten in der linken oberen Lenkradspeiche bedient. Auf den Einsatz sogenannter Mini-Touchpads wie im neuen Mercedes-Benz Actros verzichtet MAN; nach ersten Probefahrten eine gute Entscheidung.

Ebenfalls als sinnvoll erweist sich der Verzicht auf die Wischtechnik (Touchscreen) für den rechts vom Hauptdisplay arrangierten, zweiten Infobildschirm. Der Fahrer bedient die Informations- und Kommunikationstechnik im neuen MAN-Truck vielmehr mit einem Doppelringsteller zum Drehen, Schieben und Drücken. Klingt kompliziert, entpuppt sich aber vom Start weg als leicht und intuitiv zu handhabende Mensch-Maschine-Schnittstelle.

Bessere Übersichtlichkeit durch schlankere Spiegel

Alle Displays für die visuelle Informationsaufnahme befinden sich in etwas größerem Abstand vom Fahrer. Dies erleichtert dem Auge, zwischen der Nahsicht auf das Cockpit und der Fernsicht auf die Straße zu wechseln und alles stets scharf wahrzunehmen. Diese Anordnung hilft vor allem älteren Fahrern bei oft altersbedingt abnehmender Sehleistung im Nahbereich. Außerdem ist der Fahrer deutlich weniger vom Verkehrsgeschehen abgelenkt, was ein Plus an Sicherheit bedeutet.

Mit der Dichte des Verkehrs ist die Anforderung gewachsen, selbigen andauernd und intensiv zu überwachen. Hier hat MAN nach langjährig anhaltender und zum Teil massiver Kritik nun seine Hausaufgaben gemacht. Gemeint sind die Rückspiegel. Bisher verstellte ein riesiges Gehäuse den Blick durch die Seitenscheiben auf querende Verkehrsteilnehmer. Jetzt sind die Spiegel schlank und zudem ein wenig nach hinten gerückt. So bleibt ein hilfreicher Sichtspalt zur A-Säule frei. Den noch wirksameren Schritt weg vom analogen Glasspiegel hin zu einem digitalen Kamera-Display-System (Beispiel: Mercedes Actros) wollen die Münchener erst zu einem späteren Zeitpunkt machen. Dafür bereits heute lieferbar: eine radarbasierte Seitenraumbeobachtung, um Abbiegeunfälle zu vermeiden.

Weniger Gewicht dank kundenspezifischem Kabelbaum

Für die „Kameraspiegel“ elektronisch gerüstet ist die neue Lastwagengeneration von MAN jetzt schon. Schließlich wurde die gesamte Fahrzeugelektrik und -elektronik komplett neu gestrickt und auf das Zentralrechnerprinzip umgestellt. Die Hauptkabelstränge sind jetzt kundenspezifisch konzipiert. Jeder Lkw bekommt exakt den Leitungssatz, der für seine individuelle Ausstattung und Anwendung erforderlich ist. Das bedeutet: weniger Steckverbindungen bei gleichzeitiger Gewichtsreduktion, Vereinfachung der Wartung. Bei bestimmten Schäden kann der Kabelstrang künftig an definierten Stellen getrennt, gezielt repariert und so im Idealfall ein Kompletttausch von Komponenten vermieden werden. Das bedeutet, dass Reparaturen schneller, effizienter und für den Kunden preisgünstiger ausgeführt werden können.

Für die Hersteller von Aufbauten gibt es zusätzlich zu den bisherigen Schnittstellen unter der Frontklappe nun eine weitere Schnittstelle am Rahmen hinter dem Fahrerhaus. Die Stromversorgung für den Aufbau ist dadurch gewährleistet, und die Steuerungssignale laufen über eine CAN-Bus-Anbindung. Die für den Aufbau benötigte, elektronische Hardware kann somit nach Bedarf innerhalb und außerhalb des Fahrerhauses angeschlossen werden; Aufbauhersteller müssen nicht mehr in die werksseitige Verkabelung des Trucks eingreifen. Das minimiert die Gefahr von Schäden und Fehlfunktionen.

Software-Updates „over the air“ möglich

Das neu entwickelte Bordnetz mit seinem modernen, zentralen Rechner, der alle Prozesse steuert, ermöglicht ein maßgeblich verbessertes Zusammenspiel aller im Truck verbauten Sensoren. Die bereits vorhandenen Assistenzsysteme ergänzen einander. Gleichzeitig bietet das neue Bordnetz die Grundlage für künftige Anwendungen wie das automatisierte Fahren. Die neue Elektronikarchitektur vereinfacht auch, verschiedene, jetzt neu erhältliche Funktionalitäten wie zum Beispiel die Abbiegehilfe nachzurüsten. Dies war bisher nicht oder nur bedingt möglich.

Weitere spezielle Nachrüstsätze sollen für Anwendungen entwickelt werden, die bei Kunden besonders gefragt sind. Ebenso ist geplant, Software-Updates via Internetschnittstelle aufzuspielen.

Vorausschauende Wartung über die RIO-Plattform

Das proaktive Wartungsmanagement MAN-Service-Care lässt die Ausfallzeiten sinken. Hierbei werden wartungsrelevanten Daten durch die RIO-Box an den MAN-Servicepartner übermittelt, eine Fahrzeuganalyse durchführt und die Koordination von Wartungsterminen unterstützt. So ist es möglich, den Truck in die Werkstatt zu rufen, bevor ein möglicher Defekt auftritt. MAN-Service-Care ist für jeden Kunden kostenfrei über die RIO-Plattform verfügbar; die Aktivierung ist mit nur wenigen Angaben online möglich.

Das proaktive Wartungsmanagement reagiert aber nicht nur auf ein sich anbahnendes Problem, sondern verbindet Truck, Fahrer, Besitzer und Werkstatt, um Wartung und Reparatur vorausschauend zu planen und intelligent zu bündeln. Auf RIO können Kunden den Wartungsstatus, Termine, zu reparierende Komponenten und Schadensmeldungen ihrer ganzen MAN-Flotte jederzeit einsehen. Per E-Mail wird frühzeitig über anstehende Werkstattaufenthalte benachrichtigt. So bleibt die aktuelle Verfügbarkeit des Trucks immer im Blick und die Disposition kann den Termin unkompliziert einplanen.

(ID:46378084)