Schadenrecht Wenn das Gutachten erst nach dem Reparaturauftrag fertig ist

Autor / Redakteur: RA Joachim Otting / Dipl. Ing. (FH) Konrad Wenz

Einige Versicherer berufen sich bei der Schadenregulierung darauf, dass der Geschädigte bei Reparaturauftrag das Gutachten gar nicht kannte, weil beides zeitgleich in Auftrag gegeben wird. Diese Argumentation zieht aber nicht.

Firmen zum Thema

Der Geschädigte ist nicht im Stande, ein Schadengutachten auf seine Richtigkeit zu prüfen. Die logische Folge: Er darf das Gutachten per Vertrauensvorschuss für richtig halten.
Der Geschädigte ist nicht im Stande, ein Schadengutachten auf seine Richtigkeit zu prüfen. Die logische Folge: Er darf das Gutachten per Vertrauensvorschuss für richtig halten.
(Bild: Wenz)

Mehrfach haben wir hier die Rechtsprechung vorgestellt, die den Geschädigten umfassend schützt, wenn er auf das Schadengutachten vertraut und den Auftrag zur Reparatur nach den Vorgaben des Gutachtens erteilt. Dann beißt sich der gegnerische Haftpflichtversicherer die Zähne aus. Mit seinem „Dies und das war nicht nötig“ kann er dann nicht mehr durchdringen. Das geht zurück auf ein unverändert aktuelles Urteil des BGH vom 29.10.1974, VI ZR 42/73. Ganz salopp gesagt kann der Geschädigte sich auf den Standpunkt stellen: „Ich war’s nicht, der Gutachter war’s.“

Versicherer versuchen, diese Rechtsprechung zu schwächen mit dem Einwand: Als der Geschädigte in der Werkstatt den Reparaturauftrag erteilt hat, kannte er das Gutachten doch noch gar nicht. Denn der Gutachter wurde erst zeitgleich in Marsch gesetzt. Also konnte der Geschädigte nicht auf das ihm noch unbekannte Gutachten vertrauen. Und er konnte gar nicht den Auftrag erteilen, gemäß Gutachten zu reparieren.

Dieser Einwand zieht jedoch nicht. Der Geschädigte ist in aller Regel technischer Laie, und die Kalkulation einer Unfallschadenbeseitigung ist ihm fremd. Er ist nicht im Stande, ein Schadengutachten auf seine Richtigkeit zu prüfen. Die logische Folge: Er darf das Gutachten per Vertrauensvorschuss für richtig halten.

Heute schon für morgen sorgen

Auch die Reihenfolge von Reparaturauftrag und Gutachten ist unproblematisch. Denn wenn der Geschädigte „heute“ unterschreibt, dass die Werkstatt „übermorgen“ nach Eingang des Gutachtens mit der dessen Vorgaben folgenden Reparatur beginnen soll, geht das in Ordnung.

So sagt das AG Stuttgart: „Im Ergebnis kann es keinen Unterschied machen, ob der Geschädigte erst ein Sachverständigengutachten erstellen lässt und dann eine Werkstatt zur Reparatur auf Basis des Gutachtens anweist oder zunächst eine Werkstatt grundsätzlich mit der Reparatur beauftragt und aber erst mit Vorlage des Gutachtens die Reparaturfreigabe aufgrund des Gutachtens erteilt.“ (Urteil vom 16.10.2020, Az. 44 C 607/20).

Das AG Zeven sagt: „Hier hat der Geschädigte den Werkstatt-Auftrag vom 18.05.2020 erteilt. Dass das Schadensgutachten zu diesem Zeitpunkt noch nicht erstellt war, sondern erst am 19.05.2020 vorlag, ist ohne rechtliche Relevanz, da der Reparaturauftrag dahin ging, den Unfallschaden durch den Gutachter besichtigen zu lassen und laut Gutachten instand zu setzen.“ (AG Zeven, Urteil vom 07.04.2021, Az. 3 C 29/21). ■

(ID:47358848)