40 Jahre Volvo 480 und 780 Schneewittchens Erben

Quelle: sp-x 5 min Lesedauer

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Es waren legendäre Sportler wie der 1800 ES „Schneewittchensarg“, die Volvo als Adresse für Designjuwelen etablierten. Ein Erfolg, den Volvo 1985 erneuern wollte: Beim Starkarossier Bertone in bella Italia bauten die Schweden das Coupé 780 und in Holland den Shootingbrake 480.

Retro-Revolutionär – Die gläserne Heckklappe des Volvo 480 ES von 1985 zitierte den legendären 1800 ES „Schneewittchensarg“, technisch verkörperte der 480 ES aber Fortschritt.(Bild:  Volvo)
Retro-Revolutionär – Die gläserne Heckklappe des Volvo 480 ES von 1985 zitierte den legendären 1800 ES „Schneewittchensarg“, technisch verkörperte der 480 ES aber Fortschritt.
(Bild: Volvo)

Es war das Jahr exaltierter Schulterpolster, Neonfarben und Popper-Frisuren – und der extravaganten Coupés für modebewusste Besserverdiener: 1985 präsentierte Volvo das Coupé 780, gebaut bei der Carrozzeria Bertone in Turin. „Das Volvo 780 Coupé den luxuriösesten Volvo aller Zeiten zu nennen, wäre pure Untertreibung“, behauptete eine Werbekampagne über den noblen 4,80 Meter langen Zweitürer, der vor allem in den USA reüssieren sollte. „Gestylt von Bertone in Italien, der auch für den legendären Look von Ferrari und Lamborghini verantwortlich ist“, versuchte die Volvo-Werbung das Design des Spitzenmodells zu dramatisieren.

Von der Keilcouture eines Italo-Supercars konnte bei dem maximal 125 kW/170 PS starken Gran Turismo zwar keine Rede sein, aber Bertone war es in Kooperation mit Volvo-Chefdesigner Jan Wilsgaard gelungen, die kastenförmige Limousine 760 in den harmonisch proportionierten 780 zu verwandeln. Damit attackierten die Schweden deutsche Dynamiker wie BMW 6er oder Mercedes CE (W123), aber auch den ab 1987 mit Pininfarina realisierten Cadillac Allanté sowie den erstmals 1986 gezeigten Chrysler TC by Maserati. Italienische Alta Moda war in den USA angesagt, und Volvo hoffte auf ein Stück vom Luxusmarkt.

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Im Europa der 1980er mit Mode von Adidas und Nike oder weißen Tennissocken traf der kostspielige, jedoch keineswegs schnelle Volvo 780 nur in wenigen Ländern den Zeitgeist, nach Deutschland kam er lediglich über inoffizielle Wege. Die Alte Welt überraschte Volvo dafür mit dem kompakten 480: Ein keilförmiger Sportkombi mit großer Glasheckklappe, der in der Tradition des ikonischen 1800 ES „Schneewittchensarg“ stand.

Kultsportler etablieren Volvo-Sportimage

Tatsächlich waren es die Kultsportler Volvo P1800 von 1960 und Volvo 1800 ES von 1971, denen die Schweden ihre Aufnahme in den Club der Sportwagenproduzenten verdankten – nachdem 1956 ein Anlauf mit dem Fiberglas-Roadster P1900 scheiterte. Aber als der schwedische König Carl XVI. Gustaf einen P1800 fuhr, der Hollywood-Star Roger Moore mit einem P1800 in der TV-Serie „The Saint“ gegen das Böse kämpfte, und der P1800 schließlich noch 1971 als 1800 ES zum Pionier des modernen Shootingbrakes mutierte – da galt Volvo als Adresse für verführerisch schöne Formen.

Die großen Stückzahlen lieferten weiter Limousinen und Kombis wie das Duo 240/260, allerdings bestätigte das ab 1977 bei Bertone gefertigte 262 Coupé, wie begehrt sportive Volvo bei Individualisten waren. Als Filmstar Michael J. Fox 1985 mit einem DeLorean-Sportcoupé im US-Kino-Blockbuster „Zurück in die Zukunft“ reiste, US-Actionheld Sylvester Stallone mit Rambo II und Rocky IV die Leinwände dominierte und Nintendo in den USA mit dem Entertainment System (NES) einen Videospiel-Hype auslöste, der auch nach Europa schwappte, da nahm Volvo einen erneuten Anlauf auf dem profitablen US-Markt. Diesmal sollten gleich zwei Schweden die Herzen der Amerikaner stürmen: Das Luxuscoupé Volvo 780 und der kompakte Lifestyle-Vierzylinder Volvo 480.

US-Zulassung dank Klappscheinwerfer-Trick

Trotz der keilförmigen Karosserie mit Klappscheinwerfern konnte der kompakte Volvo 480 die strengen Crash-Kriterien erfüllen, die im Land des US-Präsidenten Ronald Reagan galten. Sogar die coolen Klappscheinwerfer waren ein Zugeständnis an amerikanische Zulassungsbestimmungen, die eine Mindesthöhe fürs Fahrlicht verlangten. Mit einem unter dem Frontstoßfänger verstecktem Kühlergrill war der 480 ein charismatischer Shootingbrake, der sogar japanische Sportkombis der Art des Honda Accord Aerodeck langweilig wirken ließ. Speziell in den von Volvo geplanten US-Versionen: Sogar eine Kompressor-Version mit G-Lader wurde angedacht und mehrere zweisitzige Cabrio-Studien mit komplett versenkbarem Verdeck. Auf dem Genfer Salon 1990 wurde ein Volvo 480 Cabrio von den begeisterten Messebesuchern gefeiert, ungeachtet seines wenig schönen, feststehenden Überrollbügels. Aber nach dem Konkurs eines Zulieferers verschwanden die Sonnenstürmer im Volvo-Museum. Einzelstück blieb auch ein 1986 gebauter vollelektrischer Volvo 480, dessen 15,6-kWh-Batterie Energie für 120 Kilometer Reichweite lieferte. Sogar mit Prototypen eines Mittelmotor-Zweisitzers beschäftigte sich das Entwicklungsteam des 480, das übrigens nicht in Schweden, sondern in den Niederlanden saß. Gebaut wurde der erste Volvo mit Vorderradantrieb nämlich im Werk Born, das die Göteborger nach der Übernahme des holländischen Volksautofabrikanten Daf einrichteten.

Mindestens 35.000 Einheiten wollte Volvo jährlich vom 480 bauen, davon sollten allein 25.000 nach Nordamerika geliefert werden. Tatsächlich aber dümpelten die Verkaufszahlen des anfangs von Qualitätsdefiziten heimgesuchten Vierzylinders mit optionaler Turboaufladung (70 kW/95 PS bis 90 kW/122 PS Leistung) in den meisten Jahren bei unter 10.000 Einheiten, und so fehlte dem Konzern zum Export über den Atlantik plötzlich der Mut. Dennoch blieb der Volvo zehn Jahre in Produktion, was zeigt, wie weit der 480 seiner Zeit voraus war: So ging bei dem Sportler die weltweit erste Motorhaube aus Fiberglas in Bienenwabenstruktur in Serie und ein futuristisches Cockpitdesign mit Druckschaltern aus dem F-16-Kampfjet. Die elektronische Kommandozentrale, das sogenannte Central Electronic Modul (CEM), steuerte bis zu 27 unterschiedlichen Funktionen. Eine schöne neue Welt, die in der Kompaktklasse erst Jahre später Standard wurde.

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780 bleibt teurer Nischensportler

Sogar nur 8.518 Einheiten wurden vom Volvo 780 in fünf Jahren verkauft, der aber in Europa mit gerade einmal 105 kW/143 PS leistendem V6 so viel kostete wie ein doppelt so starker Jaguar XJ-S V12 oder Porsche 911. Trotzdem ließ sich mit dem Volvo von Bertone optional auch sparen: Wie der Mercedes 300 CD Turbo (W123) in den USA wurde der in Italien gebaute Schwede optional mit einem effizienten Diesel ausgeliefert – allerdings als Sechszylinder. Mehr Dynamik versprach der Vierzylinder-Turbo, den Volvo-CEO Pehr Gyllenhammar zu seinem 50. Geburtstag erhielt: Feuerrot lackiert – Gyllenhammars bevorzugte Farbe – und innen mit knallrotem Leder ausstaffiert brachte es das Bertone Coupé auf knapp 200 km/h. Statt eindrucksvoller Vmax zeigte der Zweitürer eine konkurrenzlos komplette Serienausstattung, die u.a. Klimaanlage, Reisecomputer, Audioanlage und elektrische Betätigung von Fenstern, Sitzen, Schiebedach und Außenspiegeln inkludierte. Technisch erfuhr der Volvo 780 alle Evolutionen, die auch in die Limousine 760 GLE einzogen: 1988 ersetzte eine Mehrlenkerachse die hintere Starrachse, und für 1990, das letzte Produktionsjahr, spendierte Volvo seinem Coupé eine Differenzialsperre.

Volvo ohne elitäres Coupé, das schien nun undenkbar, und so beauftragte Gyllenhammar seine Designabteilung im September 1993 mit der Finalisierung eines zweitürigen Volvo 850. Die ersten Prototypen des Fünfzylinder-Fronttrieblers waren feuerrot lackiert – aber bevor Gyllenhammar die Serie freigeben konnte, musste er im Dezember 1993 zurücktreten, und der sportive Volvo 850 verschwand in der Asservatenkammer. So lag es 1997 am Volvo C70, die schwedische Coupé-Tradition fortzuschreiben.

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