Kombinierte Jugend- und Unternehmensbefragung Warum viele Ausbildungsplätze leer bleiben

Von Sybille Weinschenk 4 min Lesedauer

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Sind Unternehmen zu anspruchsvoll? Junge Menschen zu planlos? Nicht selten kritisieren sie einander. Dabei wollen Betriebe und Azubis häufig dasselbe.

Während diese Auszubildende praktische Erfahrungen sammelt, bleiben andere Ausbildungsplätze unbesetzt – Betriebe reden zu wenig darüber, was sie bieten.(Bild: ©  jörn buchheim - stock.adobe.com)
Während diese Auszubildende praktische Erfahrungen sammelt, bleiben andere Ausbildungsplätze unbesetzt – Betriebe reden zu wenig darüber, was sie bieten.
(Bild: © jörn buchheim - stock.adobe.com)

Ein einfaches Bewerbungsverfahren ist für 81 Prozent der Jugendlichen wichtig bei der Wahl ihres Ausbildungsplatzes. Und 91 Prozent der Betriebe sind überzeugt, genau das zu bieten. Allerdings informieren nur 45 Prozent darüber, wie das Bewerbungsverfahren aussieht – etwa ob eine Online-Bewerbung möglich ist, welche Unterlagen nötig sind oder wie lange das Verfahren dauert.

Dasselbe Problem zeigt sich bei den Übernahmechancen: 92 Prozent der Jugendlichen interessiert, ob sie nach der Ausbildung im Betrieb bleiben können. Tatsächlich geben 89 Prozent der Firmen an, dass diese Option besteht, aber nur 70 Prozent werben damit. Unternehmen haben demnach häufig die Angebote, die Jugendliche suchen – erwähnen sie aber nicht.

Zu diesem Ergebnis kommt die kombinierte Publikation der Bertelsmann-Stiftung (BSt) und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) „Was macht die duale Ausbildung attraktiv? Wünsche von jungen Menschen und Angebote von Unternehmen im Vergleich“.

Die größten Informationslücken

Neben dem Bewerbungsverfahren und den Übernahmechancen gibt es weitere Aspekte, über die Firmen zu wenig informieren:

  • Ausbildungsvergütung: 95 % der Jugendlichen wollen wissen, wie viel sie verdienen. Nur 58 % der Betriebe sagen das früh genug.
  • Ausbildungsinhalte: 95 % wollen verstehen, wie der Ausbildungsalltag aussieht, welche Aufgaben sie erwarten. Nur 78 % der Unternehmen geben das genauer an.
  • Karrierechancen: 93 % fragen sich, wie sie sich nach der Ausbildung entwickeln können. Nur 70 % der Betriebe sprechen über die berufliche Zukunft.
  • Arbeitszeiten: 94 % der jungen Leute wollen Klarheit darüber, welche Arbeitszeiten sie erwarten. Nur 70 % der Firmen informieren vorab darüber.

Überstunden, schlechte Bezahlung und unverständliche Bewerbungsverfahren schrecken ab (zum Vergrößern anklicken).(Bild:  Institut der deutschen Wirtschaft/Bertelsmann Stiftung)
Überstunden, schlechte Bezahlung und unverständliche Bewerbungsverfahren schrecken ab (zum Vergrößern anklicken).
(Bild: Institut der deutschen Wirtschaft/Bertelsmann Stiftung)

Theoretisch sind natürlich nicht nur die Firmen gefragt. Auch die Jugendlichen sollten aktiv nachfragen, wenn ihnen wichtige Details fehlen. Doch viele überfordert das.

Die Bewerbungssituation ist für sie neu und ungewohnt. Deswegen fühlen sie sich unsicher und sie trauen sich nicht, bei den Firmen anzurufen. Betriebe können diese Lücken viel leichter schließen, indem sie die entsprechenden Angaben auf ihrer Website ergänzen oder in Stellenanzeigen erwähnen.

Keine Bewerbung bei K.-o.-Kriterien

Wenn Jugendliche überlegen, ob ein Ausbildungsangebot zu ihnen passt, überlegen sie auch, ob es Gründe gibt, die möglicherweise dagegen sprechen. Ist das der Fall, führen diese sogenannten Aversionsfaktoren dazu, dass sie sich nicht bewerben.

Die häufigsten K.-o.-Kriterien sind geringe Gehaltsaussichten nach der Ausbildung (50 Prozent) und Tätigkeiten, die nicht zu ihren persönlichen Interessen passen (51 Prozent). Dabei zeigt sich, dass Jugendliche langfristig denken. Schlechte Verdienstaussichten nach dem Abschluss sind in ihren Augen abschreckender als eine niedrige Vergütung während der Ausbildung (23 Prozent).

Wer nach der Ausbildung wenig verdient oder sich nicht für den Beruf interessiert, bewirbt sich gar nicht erst (zum Vergrößern anklicken).(Bild:  Institut der deutschen Wirtschaft/Bertelsmann Stiftung)
Wer nach der Ausbildung wenig verdient oder sich nicht für den Beruf interessiert, bewirbt sich gar nicht erst (zum Vergrößern anklicken).
(Bild: Institut der deutschen Wirtschaft/Bertelsmann Stiftung)

Auch wenn der Betrieb oder die Berufsschule zu weit vom Wohnort entfernt sind (29 Prozent) oder das Unternehmen ein schlechtes Image hat (22 Prozent), sind das Gründe, sich nicht zu bewerben.

Ausbildende müssen immer mehr Aufgaben stemmen

88 Prozent der Unternehmen sehen die duale Ausbildung als unverzichtbar für die Nachwuchssicherung. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Ausbildenden. Deren Aufgaben beschränken sich längst nicht mehr darauf, nur Wissen zu vermitteln. Sie sollen Jugendliche motivieren, beim Lernen begleiten und als Botschafter ihrer Unternehmen werben.

Das führt zu einem Ungleichgewicht: Die Aufgaben werden immer vielfältiger, während die Ressourcen gleich bleiben. 44 Prozent der Betriebe räumen ein, dass ihre Ausbildungsverantwortlichen zu wenig Zeit für Ausbildungsmarketing haben. Dazu kommen fehlende Strategien für Social Media und eine zielgruppengerechte Ansprache.

Dabei müssen Ausbildende diese Herausforderungen nicht allein bewältigen. Das vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) geförderte Netzwerk Q 4.0 unterstützt gezielt mit Weiterbildungen zu digitalem Ausbildungsmarketing und modernen Ausbildungsmethoden. Die Ergebnisse dieser Bertelsmann-IW-Studie fließen in die Arbeit des Netzwerks ein.

Fünf Schritte für mehr Bewerbungen

Viele Probleme lassen sich schnell und ohne große Investitionen lösen – Betriebe müssen oft nur besser kommunizieren.

  • 1. Vergütung transparent machen: Nur 58 Prozent der Firmen informieren vorab über die Ausbildungsvergütung. Dabei wollen das 95 Prozent der Jugendlichen wissen. Ein einziger Satz in der Stellenausschreibung oder auf der Website kann dieses Problem beheben.
  • 2. Bewerbungsverfahren vereinfachen: Viele Jugendliche bewerben sich eher, wenn der Prozess möglichst unkompliziert ist. Dazu zählen beispielsweise Online-Formulare, der Verzicht auf aufwendige Anschreiben und, dass die Firmen sich möglichst schnell bei den Bewerbenden melden.
  • 3. Hauptschüler ermutigen: Obwohl 81 Prozent der Unternehmen Persönlichkeit wichtiger finden als Noten, sprechen nur 42 Prozent Hauptschüler aktiv an. Das ist insofern schlecht, als sich vor allem Hauptschüler oft gar nicht bewerben, weil sie ihre Qualifikationen für unzureichend halten.
  • 4. Azubis als Botschafter nutzen: Authentischer als jeder Werbetext sind aktuelle Azubis, die über ihren Alltag berichten. Trotzdem setzen bisher nur 42 Prozent der Betriebe auf diese kostenlosen und überzeugenden Markenbotschafter.
  • 5. Zielgruppen unterschiedlich ansprechen: Die Vielfalt der Bewerbenden erfordert verschiedene Kanäle und Ansprachen. Was Hauptschüler überzeugt, funktioniert bei Abiturienten oft nicht und umgekehrt.

Unterstützungsangebote besser nutzen

Viele Ausbilder sehen Ausbildung als ihre alleinige Aufgabe und kommen gar nicht auf die Idee, sich Unterstützung zu holen. Entsprechend verschenken Betriebe Potenzial, weil sie staatliche Angebote nicht kennen.

Nur 15 Prozent wissen von der Assistierten Ausbildung (AsA-Flex), die Nachhilfe, Konfliktmoderation und sozialpädagogische Betreuung bietet. Dabei wäre sie oft nötig: 10 bis 15 Prozent eines Azubi-Jahrgangs haben psychische Belastungen wie Depressionen.

Ähnlich unbekannt ist die Einstiegsqualifizierung (EQ). Nur 34 Prozent kennen das 4- bis 12-monatige Langzeitpraktikum. Dabei ist es ideal, um Jugendliche ohne Ausbildungsplatz an einen Betrieb heranzuführen.

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Auch Direkthilfen für Azubis sind wenig bekannt: Berufsausbildungsbeihilfe bis zu 822 Euro monatlich und Mobilitätszuschüsse für Fahrtkosten kennen jeweils nur ein Drittel der Betriebe.

Zur Studie

Die Ergebnisse basieren auf zwei repräsentativen Befragungen. Die Bertelsmann Stiftung führte vom 7. März bis 14. April 2025 die Jugendbefragung „Ausbildungsperspektiven 2025“ mit 1.755 Personen im Alter von 14 bis 25 Jahren durch. Das Institut der deutschen Wirtschaft befragte parallel im „IW-Personalpanel 2025“ vom 12. März bis 6. Mai 2025 insgesamt 1.071 Betriebe zu Ausbildungsmarketing und Personalgewinnung.

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