BVdP Netzwerkstatt „Den Schalter wieder in Richtung I statt E umlegen“

Von Christian Otto 5 min Lesedauer

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Die Themen Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit standen im Mittelpunkt der diesjährigen BVdP-Netzwerkstatt. Dabei wurden vielfältige Perspektiven der Schadensteuerer aber auch der Betriebe präsentiert. Im Mittelpunkt müsse bei allen Überlegungen weiterhin der Mensch stehen.

Gute Stimmung bei der Spitze des BVdP: Bei der Netzwerkstatt moderierte Petra Bindl den Eventtag und interviewte zu Beginn Vortstandsmitglied Andreas Lau, Michael Pinto BVdP-Präsident Reinhard Beyer, Geschäftsführer Michael Pinto und das neue Mitglied in der Verbandspitze, Benjamin Schmitz. (Bild:  Otto - VCG)
Gute Stimmung bei der Spitze des BVdP: Bei der Netzwerkstatt moderierte Petra Bindl den Eventtag und interviewte zu Beginn Vortstandsmitglied Andreas Lau, Michael Pinto BVdP-Präsident Reinhard Beyer, Geschäftsführer Michael Pinto und das neue Mitglied in der Verbandspitze, Benjamin Schmitz.
(Bild: Otto - VCG)

Schon gestern lockte die Abendveranstaltung der BVdP-Netzwerkstatt in ein Hotel in die Rhön. In abgeschiedener Natur traf sich, was in der Schadensteuerung Rang und Namen hat und tauschte sich mit Betriebsinhabern und Branchenbegleitern wie Lackspezialisten und Werkzeugherstellern aus.

Am heutigen Morgen begrüßte dann Moderatorin Petra Bindl ein volles Plenum und gab an BVdP-Geschäftsführer Michael Pinto weiter, der sich über den regen Austausch am Vorabend freute: „Das ist eine Veranstaltung, bei der es um menschliche Gespräche und um wirkliches Netzwerken geht.“

Pinto blickte in seinen Ausführungen auch auf die Zusammenarbeit mit den Schadensteuerern zurück und resümierte: „Das Miteinander hat sich weiterentwickelt. Gemeinsam ist besser als konträr.“ Er erwähnte aber auch kritisch, dass man trotzdem die Kommunikation verbessern könne.

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Im Fokus der Veranstaltung standen die Themen KI und Nachhaltigkeit, ohne die Komponenten Mensch im Dreiklang zu vergessen. Pinto betonte, dass trotz aller technischen Neuerungen für ihn weiter gilt: „Der Mensch steht im Mittelpunkt. Aber bei der KI nehmen wir die Menschen und vor allem die Werkstätten nicht mit. KI funktioniert nicht, wenn der Mensch sie nicht richtig einsetzt.“ Aus Sicht von Pinto machten viele plakative Überschriften zur KI heute Angst, ob man als Arbeistkraft noch gebraucht werde. „Aber gerade in den Betrieben sind sie nicht zu ersetzen, vor allem im direkten Kontakt mit Menschen.“

Nachhaltigkeit sei ebenfalls ein Thema, dass nicht ohne den Menschen und vor allem die Betriebe zu denken sei. Pinto appellierte deshalb: „Wir müssen hier der Vorreiter sein, bevor uns der Gesetzgeber verpflichtet.“

Nachhaltigkeit nicht Kosteneinsparung

Pinto bekam dann auf der Bühne Verstärkung durch die BVdP-Vorstandsmitglieder Andreas Lau, Reinhard Beyer und Benjamin Schmitz, der erst gestern im Rahmen der BVdP-Mitgliederversammlung neues Mitglied des Gremiums wurde. Beyer, Präsident des BVdP, unterstütze Pintos Ausführungen: „Einfache Dinge kann die KI abwickeln und uns viel abnehmen. Bei Beratung und Service braucht es aber den Menschen. Für den Kunden passiert ein Schadensfall alle neun Jahre. Dann braucht es menschliche Betreuung.“ Das gelte in Deutschland umso mehr, da das Auto so einen hohen Stellenwert habe, erklärte Beyer.

Andreas Lau wiederum blickte auf die Nachhaltigkeit: „Sie wird oft verwechselt mit Kosteneinsparung. Das Wichtigste in den Betrieben ist, in die Zukunft zu investieren. Wir müssen junge Leute befähigen, dass zu können, was wie können und besser.“ Lau sieht in der Nachwuchsentwicklung den größten Hebel für nachhaltiges Handeln.

Die Runde ehrte auch nochmals den langjährigen BVdP-Mitarbeiter Marko Senger, der krankheitsbedingt in den Ruhestand geht. Man dankte ihm für 13 Jahre Engagement beim Bundesverband der Partnerwerkstätten.

KI-Lösungen von Silvie bis Agentic AI

Es folgte ein Vortragsblock zu KI-Lösungen für die Branche: Arben Ndue von Solera hatte den ersten Vortrag inne und stellte die Möglichkeiten der KI für die hauseigenen Schadenplattform vor. Eine Möglichkeit sei es beispielsweise per Foto und mit Hilfe der KI eine schnelle Vorkalkulation zu machen und sie dann im Backoffice nachzubearbeiten.

Hans-Jürgen Hofmann, Regionalleiter Süd bei der DAT zeigte in welchen Produkten sein Unternehmen die KI schon aktiv einsetzte. In den drei Konzepten namens Fast Track, Silvie und Parts Completion helfe sie vor allem den Zeitaufwand für die Kalkulation zu reduzieren und damit die wichtige Ressource Zeit der Mitarbeiter zu schonen.

Sebastian Lins von Solvd sprach über die hauseigene Agentic AI. Dort seien sogenannte AI-Agents selbst in der Lage, Entscheidungen zu treffen. „Der Mensch gibt die Aufgabe und die Rahmenparameter vor. Wie der Agent zum Ziel kommt, entscheidet er dann eigenständig“, so Lins. Die Agenten bei Agentic AI sind Module im End-to-End-System, die auf jeweilige Themen spezialisiert und miteinander verknüpft sind. Der Vorteil für Geschädigte, Versicherer und andere Beteiligte soll ein schneller Schadensprozess sein.

In einer Panel-Diskussion verdeutlichten vor allem Vertreter der Schadensteuerer wie Riparo oder der Innovation Group und des Versicherers HUK, das Künstliche Intelligenz redundante und einfache Abläufe abnehme und optimiere. Das gebe Zeit für jene komplexe Entscheidungen, die von der Norm abweichen würden und die menschliche Einschätzung braucht.

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Vollkaskomentalität

Den zweiten Teil des Vormittags umfasste der Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Michale Pinto erinnerte an die weltweit angespannte Situation: „Schon am 2. Mai waren die Ressourcen rechnerisch auf der Erde für das Jahr 2025 verbraucht.“ Das müsse auch in der K+L-Branche zum Umdenken anregen, Nachhaltigkeit zu forcieren. I statt E sei der entscheidende Ansatz.

BVdP-Präsident Reinhard Beyer sprach von der „deutschen Vollkaskomentalität“ und ergänzte: „Der Kunde denkt, nur neu sei gut, weil er es nicht anders wisse.“ Man habe eine Fehlentwicklung erlebt, wo es für Betriebe einfacher war, ein Neuteil zu nutzen, als die Zeit zu nehmen, fachgerecht das Teil wieder instand zusetzen. Beyer konkretisierte „Man müsse den Schalter wieder in Richtung I statt E umlegen."

In einer weiteren Diskussionsrunde wurde I vor E nochmals als nachhaltige Königsdisziplin im Reparaturgeschäft vertieft. Denn auch wenn der Wille da sei, müssten wie Werkstätten immer auch prüfen, ob man alle Mittel für die Instandsetzung habe. Das betreffe Wissen, Personal, Material und Werkzeuge.

Yannick Stern von der Carbon GmbH verwies auf 25 Jahre Erfahrung seines Arbeitgebers im Bereich I statt E: „Das technische Potenzial ist trotzdem immer noch sehr hoch.“ Vor allem bei Aluminium sei laut Stern noch Luft nach oben.

Reinhard Beyer forderte konkret auch die Versicherer auf den Betrieben mehr Freiheit zu geben und ihren Willen Instandzusetzen zu honorieren. Auch könnten sie aufgrund ihrer Rolle mehr Informationen an die Kunden bringen, dass Tausch von Teilen eben nicht nachhaltig sei.

Wettbewerbsvorteile sichern

Ein spannender Impuls, der Philosophie und wirtschaftliches Denken vereinte, kam von Prof. Alexander Brink von der Universität Bayreuth. In einer schmissigen Keynote führte er die Zuhörer von den philosophischen Basisgedanken Immanuel Kants zur Verantwortung über Ökonomiemodelle, Nachhaltigkeitsziele bis hin zur menschenzentrierten Digitalisierung im Schadenmanagement. Er resümierte: „Ich kenne keine Branche, die eine so klare Bindung zu den Nachhaltigkeitszielen erreicht wie eure." Er sieht das Handwerk als extrem innovativ und sinnstiftend an. Das ermögliche eine Zwillingstransformation. Daraus ziehe man Wettbewerbsvorteile, die man sichern muss.

Einen amüsanten Rückblick in die Anfänge der Schadensteuerung gaben Thomas Geck, Reinhard Beyer und Ralph Ganzenmüller. Einig waren sich die drei, dass in Zukunft die Kommunikation der Beteiligten besser werden müsste.

Letztlich kürte der BVdP-Vorstand die Schadensteuerer des Jahres. Platz 3 ging an die LVM, Platz 2 an die HUK-Coburg und Platz 1 belegte die DEVK. Dabei ließ der BVdP offen, durch welche Kriterien die Versicherer diese Auszeichnung verdienten. (co)

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