Historische Autos Rolls-Royce Phantom: 100 Jahre das Beste

Von Benjamin Bessinger/SP-X 5 min Lesedauer

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Kaum ein Auto hat so viel Bestand wie der Rolls-Royce Phantom. Die Baureihe gibt es jetzt seit genau 100 Jahren. Zeit für eine Jubiläumsausfahrt.

Fast 100 Jahre Autobilbau trennen diese beiden Rolls-Royce Phantom.(Bild:  Rolls-Royce)
Fast 100 Jahre Autobilbau trennen diese beiden Rolls-Royce Phantom.
(Bild: Rolls-Royce)

Den Golf gibt es seit 1974, den Corolla schon seit 1966 und den Mercedes SL seit 1954. Doch bei allem Respekt sind das junge Hüpfer gegen den Rolls-Royce Phantom. Das Modell gibt es seit einhundert Jahren – es dürfte mit großem Abstand zum ältesten bis heute gebauten Auto der Welt avancieren. Obwohl der Name etwas Ätherisches, fast Flüchtiges hat, erweist sich das Auto als mindestens so beständig wie Big Ben oder der Buckingham Palace. Und trotz der langen Bauzeit ähnlich exklusiv. Denn mehr als 15.000 Fahrzeuge, so die amtliche Schätzung aus Goodwood, dürften in diesen 100 Jahren kaum gebaut worden sein.

Der Phantom ist das am längsten gebaute Modell der Herren Charles Rolls und Henry Royce, aber nicht das älteste. Denn deren Geschichte beginnt 1906 mit dem 40/50 H.P. Silver Ghost. Den beiden Gründern wurde schnell klar, dass sie Fortschritt brauchen, wenn sie die gerade erst eroberte Spitze des Automobilbaus verteidigen wollen. Statt den Silver Ghost weiter zu verfeinern, haben sie 1921 auf einem weißen Blatt neu angefangen, 1925 den ersten von mittlerweile acht Phantom präsentiert und damit den Grundstein für eine ebenso lange wie erfolgreiche Geschichte gelegt.

Erstes Concept Car der Automobilgeschichte

In den letzten 100 Jahren wurde fast jeder Phantom mehr oder mindert individualisiert und damit zum Einzelstück. Zumal die Herren Rolls und Royce anfangs nur das Fahrgestell lieferten und die Gestaltung der Karosserie den individuellen Wünschen der Kunden und der Expertise unabhängiger Karosseriebauer überlassen haben. Doch kaum einer ist so speziell, wie unser Testwagen für die Jubiläumsausfahrt. Nicht nur, weil er 99 Jahre alt ist, sondern weil der „10EX“ zu den ersten Concept Cars der Automobilgeschichte zählt. Statt der hoch aufragenden, fast staatstragenden Karosserie einer geschlossenen Limousine rollt er als viersitziges Cabrio aus den heiligen Hallen.

Karosserier Barker hat ihn nach alter Kutschentradition mit Holzgestell und Blechverkleidung in einen Torpedo auf Rädern verwandelt und damit eine gewisse Lust auf Geschwindigkeit zum Ausdruck gebracht, die der Marke heute fremder ist denn je. Auch wenn Rolls-Royce mittlerweile Leistungswerte und Fahrdaten veröffentlicht und nicht mehr mit einem simplen „ausreichend“ ausweicht, machen die Briten nicht mit beim üblichen Wettrüsten im Oberhaus. Wer es in einen Rolls-Royce geschafft hat, der ist Herr seiner Zeit und muss sich von nichts und niemandem hetzen lassen.

155 Kilometer pro Stunde

Beim 10EX war das noch anders. „Das ist ein Ingenieursauto, das auf Geschwindigkeit getrimmt war“, kann man in der Chronik nachlesen. Dabei lernt man, dass die Entwickler nicht nur eine bewegliche Kühlerjalousie eingebaut haben, wie sie bei modernen Autos erst seit ein paar Jahren üblich ist. Für ihre Messfahrten haben sie sogar Kotflügel und Trittbleche abgeschraubt. Mit Erfolg. Zwar hat der 10EX die avisierten 100 Meilen pro Stunde nicht ganz geschafft. Aber 96 Meilen oder 155 Kilometer pro Stunde waren nicht schlecht für eine Zeit, in der Opel zum Beispiel gerade mit dem Laubfrosch Furore machte. Der hatte anfangs zwölf und später 20 PS und schaffte gerade mal 60 Sachen.

Damals auf dem Oval von Brooklands mögen sie es eilig gehabt haben. Doch heute lässt man es besser langsam angehen mit dem blank polierten Riesen. Nicht nur aus Respekt vor dem Alter und dem Wert irgendwo am oberen Ende der einstelligen Millionenskala, sondern vor allem, weil seine Bedienung eine gewisse Routine erfordert. Nach einer kurzen Einweisung in die Verbrennungslehre muss man Gemischbildung und Zündzeitpunkt an Schaltern einstellen, damit der 110 PS starke Reihensechszylinder mit riesigem 7,7 Litern Hubraum zum Laufen kommt. An den Motor kommt man, wenn man vor dem Öffnen der Blechklappen die ansonsten unnahbare Kühlerfigur Spirit of Ecstasy unsittlich beim Rumpfe packt und um 90 Grad dreht. Dann muss man das gemütliche Stampfen der doppelt gezündeten Zylinder in Vortrieb ummünzen und dafür irgendwie das synchronisierte Vierganggetriebe überlisten.

Viel Feingefühl und Kraft

Der erste Gang geht noch ganz leicht, weil er im Stand eingelegt wird. Danach braucht es viel Feingefühl im Spiel mit der doppelt zu nutzenden Kupplung, dem Zwischengas und dem irgendwo in der Kniekehle verborgenen Ganghebel, der für so ein riesiges Auto eine fast schon filigrane Gasse hat. Kaum ist der Wagen in Fahrt, kommt schon die erste Kurve und lehrt einen, weshalb Autofahrer früher Kraftfahrer genannt wurden. Einen solchen Koloss mit einem riesigen Lenkrad vor der Brust ums Eck zu wuchten, braucht Kräfte wie bei einem Eisenbieger. Wenn man dann noch bremsen oder schalten muss oder im schlimmsten Fall beides zusammen, erfordert das schon sehr viel Konzentration.

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Schon möglich, dass die hohen Herrschaften hinten auf ihrem Lederfaulteil die Ausfahrt gelassen genießen konnten, wenn ihnen die Luft des nahenden Sommers sanft übers Haupthaar streifte. Aber das Grinsen im Gesicht des Sozius sieht angesichts der Anstrengungen des Fahrers eher ein bisschen nach Spott und Schadenfreude aus, so sehr muss man sich am Steuer mühen, um den Koloss auf Kurs zu halten. Kein Wunder, dass es einem schnell den Schweiß auf die Stirn und in den Stoff drückt. Nur gut, dass hier und heute keine Herrschaft in Sicht ist und keine Anzugpflicht herrscht.

Bedienungsanleitung: „Good Luck“

Natürlich erst nach erfolgreichem Abschluss der Ausfahrt zieht Museums-Mechaniker Sepp Rothe die handgeschriebene Bedienungsanleitung aus dem Handschuhfach in der Trennwand zum Fond und zeigt auf drei Seiten voller Tipps, wie man den ältesten Phantom im Fuhrpark anlässt und am Laufen hält. Mit einem breiten Grinsen zeigt er auf die letzte Seite, wo groß „Good Luck“ geschrieben steht. Das hat der Phantom bis heute ohne Zweifel gehabt. Der 10EX im Speziellen, weil er in seinen 99 Jahren eine weitere Fahrt mit einem Laien am Lenker unbeschadet überstanden hat. Der Phantom im Allgemeinen, weil er allen Irrungen und Wirrungen zum Trotz seit 100 Jahren an der Spitze des Automobilbaus steht und von seinen Machern entsprechend wertgeschätzt wird.

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„Vor hundert Jahren brachte Rolls-Royce das erste Automobil auf den Markt, das zum eindrucksvollsten und langlebigsten seiner Geschichte werden sollte: Den Phantom“, sagt Markenchef Chris Bronwridge. „Über acht Generationen hinweg war der Phantom das prächtigste, begehrenswerteste Automobil der Welt – das Allerbeste vom Besten.“ Wenn man den Gerüchten aus Goodwood Glauben schenkt, ist die neunte Generation bereits in Arbeit und das Auto mit dem vielleicht flüchtigsten Namen in der ganzen Branche zeigt einmal mehr seine Beständigkeit. Aber am Buckingham Palace würde ja auch niemand rütteln.

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