Old-/Youngtimer‑Qualifizierung Azubis restaurieren weltweit ersten Lkw

Von Steffen Dominsky 3 min Lesedauer

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Die Instandsetzung der Replik erfolgte im Rahmen der Zusatzqualifikation Old‑ und Youngtimer‑Technik der Kfz‑Innung Region Stuttgart und wurde von Auszubildenden unter Anleitung erfahrener Ausbilder umgesetzt. Das Ergebnis führten die jungen Leute jetzt öffentlich vor.

Das über 130 Jahre alte Fahrzeug wurde von Wilhelm Supper, Beauftragter der Kfz-Innung Region Stuttgart für die Zusatzqualifikation Old- und Youngtimer-Technik, und Otto Ruppaner, Oberbürgermeister von Leinfelden-Echterdingen, gesteuert.(Bild:  Kfz-Innung Stuttgart)
Das über 130 Jahre alte Fahrzeug wurde von Wilhelm Supper, Beauftragter der Kfz-Innung Region Stuttgart für die Zusatzqualifikation Old- und Youngtimer-Technik, und Otto Ruppaner, Oberbürgermeister von Leinfelden-Echterdingen, gesteuert.
(Bild: Kfz-Innung Stuttgart)

1896 stellte die Daimler-Motoren-Gesellschaft den weltweit ersten Lkw vor, doch keins der Exemplare hat die Zeit überdauert. Deshalb stellte sich Jodok Krumbacher aus Oberstdorf Ende der 80er-Jahre eine besondere Aufgabe: Auf einem Schweizer Teilemarkt erwarb er einen originalen Daimler-Phoenix-Zweizylindermotor und begann, quasi drumherum den ersten Lkw der Welt nachzubauen. Dieser Nachbau forderte Geduld und Kreativität: Gussformen für Zylinderköpfe kosteten damals 10.000 Mark, viele Ersatzteile waren nirgends zu bekommen – für ein Lenkrad reiste Krumbacher durch mehrere Länder. Zahlreiche Komponenten entstanden in Lehrwerkstätten, häufig ohne technische Zeichnungen; in vielen Teilen war Eigeninitiative gefragt.

Dabei hatte Krumbacher als Vorlage für das Fahrzeug lediglich einen alten Prospekt, in dem eine Zeichnung des „Motor-Lastwagens“ abgebildet war. Trotz großer Hürden investierte er seine gesamten Ersparnisse und arbeitete fast ein Jahr lang ununterbrochen am Projekt. Anfang der 90er wurde Mercedes-Benz auf den bemerkenswerten Nachbau aufmerksam, kaufte ihn und bat den Erbauer sogar, ein zweites Exemplar anzufertigen. Seitdem war das Fahrzeug auf Ausstellungen in ganz Europa zu sehen und ist Teil der Mercedes-Benz Trucks Classic Sammlung.

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Die Zeit nagte am Fahrzeug

Doch wie bei allen Oldtimern, so nagte auch an diesem der Zahn der Zeit – es wurde Zeit für eine umfassende Überholung. Genau diese leistete in den vergangenen Monaten die Philipp-Matthäus-Hahn-Schule (PMH) in Nürtingen. Die Arbeiten erfolgten im Rahmen der Zusatzqualifikation Old- und Youngtimer-Technik der Kfz-Innung Region Stuttgart. Dabei war das Ziel, das Exponat nicht nur museal zu erhalten, sondern wieder auf eigener Achse bewegen zu können.

In zahlreichen Arbeitsstunden entstanden konservierende Maßnahmen, Funktionsprüfungen und Einstellarbeiten, um das über ein Jahrhundert alte Technikniveau betriebssicher darzustellen. Ende August 2025 kehrte die Replik an den Daimler-Truck-Campus in Leinfelden-Echterdingen zurück und wurde Mitte Oktober im Rahmen des 47. Krautfests erstmals öffentlich vorgestellt. Am Steuer des betagten Lastkraftwagens saßen Wilhelm Supper, Beauftragter der Kfz-Innung Region Stuttgart für die Zusatzqualifikation Old- und Youngtimer-Technik, und Leinfeldens Oberbürgermeister Otto Ruppaner, die das Fahrzeug einem breiten Publikum vorführten.

Der Obermeister der Kfz-Innung Region Stuttgart, Torsten Treiber, zeigte sich beeindruckt vom Engagement der Beteiligten und betonte, das Vorhaben habe ein Stück Automobilgeschichte bewahrt und den Praxisbezug der Qualifizierung verdeutlicht. Geschäftsführer Christian Reher dankte den Auszubildenden und den Ausbildern; ein Großteil der Arbeiten sei ehrenamtlich erfolgt.

Der weltweit erste Lastwagen

Es war eines der größten Talente des Erfinders Gottlieb Daimler, immer neue Anwendungsgebiete für seinen Motor zu finden. So stieß er auf das Motorrad, auf die Motor-Draisine, auf eine motorisierte Feuerwehrspritze und 1896 auf den Lkw. Dabei prägte Pragmatismus die Konstruktion des ersten Lkw der Welt, der wie eine Kutsche mit Motor und ohne Deichsel aussah. Der „Phoenix“ genannte, vier PS starke Zweizylinder-Heckmotor mit 1,06 Liter Hubraum stammte aus dem Pkw. Ihn kombinierte Daimler mit einem Riemenantrieb auf die Hinterachse. Dort saßen zudem Schraubenfedern, die die Erschütterungen vom empfindlich reagierenden Motor fernhielten. Schließlich rollte das Fahrzeug auf harten Eisenreifen. Per Kette lenkte Daimler die blattgefederte Vorderachse. Wie bei einer Kutsche saß der Fahrer vorne auf dem Fahrerbock.

Bemerkenswert ist, dass der erste Lkw die heute noch vor allem in Baufahrzeugen üblichen Außenplanetenachsen schon 125 Jahre vorwegnahm: Denn das Riemengetriebe schickte die Kraft des Motors auf eine quer (zur Längsachse des Wagens) montierte Welle, deren beide Enden mit einem Ritzel versehen waren. Jedes dieser Ritzel griff nun seinerseits in die Innenverzahnung eines Zahnkranzes, der mit dem anzutreibenden Rad fest verbunden war.

1898 verlegten Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach beim Sechs-PS-Fahrzeug den bis dahin am Heck postierten zweizylindrigen Phoenix-Motor unter den Fahrersitz, wobei das Viergang-Riemengetriebe ebenfalls nach vorn wanderte. Doch ließ auch diese Lösung noch einige Wünsche offen. Noch im gleichen Jahr bekam der Lkw dann schließlich jenes Gesicht, das ihn vom Pkw erstmals deutlich unterschied und den Weg zu immer höherer Leistung und Nutzlast ebnen sollte: Der Motor fand seinen Platz nun ganz vorn, war vor der Vorderachse angeordnet und gab seine zehn Pferdestärken über ein Viergang-Zahnradgetriebe sowie durchgängige Längswelle und Ritzel an die Innenzahnkränze der eisenbereiften Hinterräder weiter.

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