Fahrwerkstechnik KW: Drei Jahrzehnte einstellbare Bodenhaftung

Von Steffen Dominsky 4 min Lesedauer

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1995 stellte KW Automotive auf der Essen Motor Show erstmals stufenlos höheneinstellbare Gewindefahrwerke mit Teilegutachten für Straßenautos vor – ein Novum und der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Was für vier verschiedene Fahrzeuge begann, umfasst heute knapp 30.000 Aftermarket-Fahrwerkanwendungen für über 2.500 Fahrzeuge.

Vor 30 Jahren zur Essen Motorshow hatte KW seinen ersten großen Messeauftritt.(Bild:  KW automotive)
Vor 30 Jahren zur Essen Motorshow hatte KW seinen ersten großen Messeauftritt.
(Bild: KW automotive)

Die Idee, eigene Gewindefahrwerke zu entwickeln und zu fertigen, gebar Unternehmensgründer Klaus Wohlfarth quasi aus der Not. Bereits 1992 hatte er mit KW Tuning ein Einzelhandelsgeschäft für sportives Autozubehör gegründet – der Vorläufer der heutigen KW Automotive. Das Geschäft hatte sich auf Autozubehörteile wie Selm Sportlenkräder, Schalensitze, Sportfahrwerke, Leichtmetallräder und Caraudio spezialisiert. Aus Frust über die Qualität der am Markt befindlichen Produkte und vor allem der fehlenden, aber zugesagten Funktionen der angebotenen Fahrwerksprodukte entschied sich Klaus Wohlfarth, mithilfe von Freunden ein höheneinstellbares Fahrwerk zu entwickeln. Bereits vorher hatte KW Tuning Keilformfedersätze und Keilformfahrwerke erfolgreich vertrieben, bei denen es sich um Eigenentwicklungen handelte. Nachdem sämtliche Materialfestigkeitsprüfungen, Dauerlauf- und Anbauversuche abgeschlossen waren, erhielt das KW Gewindefahrwerk ein Teilegutachten.

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Auf der Essen Motor Show 1995 feierte es seine Premiere. Die starke Resonanz führte dazu, dass sich KW Tuning nunmehr vollständig auf die Entwicklung und Fertigung von Gewindefahrwerken konzentrierte. Über die Jahre entwickelte KW Automotive, das 1998 aus KW Tuning hervorging, zahlreiche Innovationen. Bekannt wurde das Unternehmen z. B. mit seinen in der Höhe einstellbaren Hinterachsfedertellern, seinen in der Dämpfercharakteristik unabhängig einstellbaren Ventiltechnologien, der Fertigung von Federbeinen aus Edelstahl, hydraulischen Liftsysteme, der Nutzung von Verbundwerkstoffen bei Federtellern, adaptiven Gewindefahrwerke, Smartphone-Apps zur Fahrwerksteuerung und vielem mehr. Sie sorgten dafür, dass das Unternehmen nach eigenen Angaben zum Marktführer für individuelle Fahrwerksysteme wurde.

2001 erblickte das KW-V3-Gewindefahrwerk das Licht der Welt. Inklusive Straßenzulassung verfügt es über in der Druck- und Zugstufe separat einstellbare Dämpfer. Dabei sind die Ventile zweistufig aufgebaut, indem vorgespannte, fixe Highspeed-Ventile mit einstellbaren Lowspeed-Ventilen kombiniert wurden. Das Ergebnis war, dass sich erstmals eine maximale stufenlose Tieferlegung und Restfahrkomfort nicht mehr ausschlossen. Aus dem Angebot an zweifach einstellbaren Dämpfern sind mittlerweile fünf- bis sechsfach abstimmbare Systeme entstanden.

Kontinuierliche Innovation

2017 führte das Fichtenberger Familienunternehmen seine KW-Solid-Piston-Dämpfer ein. Die zunächst im Motorsport eingesetzte Verdrängerkolbentechnologie nutzt dieses längst auch für seine Fahrwerkanwendungen in Straßenfahrzeugen. Bei den Solid-Piston-Fahrwerken wird der Arbeitskolben nicht wie bei herkömmlichen Systemen von der Dämpferflüssigkeit überströmt. Stattdessen schiebt der Kolben die Ölsäule im Schwingungsdämpfer direkt in den vom Arbeitsraum getrennten Ventilträger. Dadurch können diese Fahrwerke insgesamt viel höhere Dämpfungskräfte generieren, um das Fahrverhalten eines Fahrzeugs weiter zu steigern.

Heute arbeitet KW Automotive bei Motorsport- und vereinzelt auch Straßenanwendungen für Aston Martin, Audi, BMW, Ford, Mercedes, Porsche, Toyota und weitere Automobilhersteller. In den vergangenen Jahren rüstete der Fahrwerkhersteller verschiedene Serienfahrzeuge wie etwa den BMW M4 GTS, den Ford Fiesta ST Edition, den Mercedes-AMG GT R Pro, den Mercedes-Maybach G 650 Landaulet, den Rimac Nevera, sowie den Toyota GR Supra A90 Final Edition und viele weitere mit seinen Komponenten aus. Aber auch Fahrwerke, die verschiedene Automobilhersteller optional anbieten, stammen von KW.

Entwicklung und Fertigung: aus eigener Hand

Doch KW fertigt nicht nur Fahrwerke, sondern unterstützt auch die Automobilindustrie, Kleinserienhersteller und Veredler in der Fahrwerkauslegung und Entwicklung. Dabei geht das inhabergeführte Unternehmen weiter als andere. Bevor die ersten Prototypen überhaupt entstehen, entwickelt es Fahrwerke virtuell und simuliert im Vorfeld bereits die Dämpferkräfte, um anhand dieser mit dem Prototypenbau zu beginnen. Zudem nutzt KW seit knapp 20 Jahren einen Vertikaldynamik-Prüfstand zur Fahrwerkentwicklung, den kein anderer Fahrwerkhersteller, der vorwiegend auf das unabhängige Aftermarket- und Tuningsegment setzt, besitzt.

Und, Stichwort „kein anderer“: Als einziger Fahrwerkhersteller in seinem Segment entwickelt und fertigt KW adaptive Gewindefahrwerke samt eigener Steuergeräte, Sensorik und Software-Regelalgorithmen für eine autonome situationsbedingte Dämpfereinstellung während der Fahrt in Echtzeit. Auch im Bereich Künstliche Intelligenz für Fahrwerkregelungen zählt sich KW Automotive zu den großen Akteuren. So arbeiten allein in der Entwicklung und Motorsportabteilung über 80 Ingenieure, Techniker und Mechaniker.

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Built-to-Order aus Fichtenberg

KW verfügt über eine Fertigungstiefe von nahezu 95 Prozent und fertigt ab einer Losgröße von 1. Je nach bestelltem Fahrwerk und eingesetzter Dämpfungstechnologie sind über 85 Fertigungsschritte für die Produktion eines Fahrwerks notwendig. Mit diesem Built-to-Order-Prinzip hebt sich KW von anderen Fahrwerkherstellern ab und fertigt so in seiner Fahrwerkmanufaktur rund 500 individuelle Fahrwerke täglich, von denen etwa 480 für völlig verschiedene Fahrzeuge sind.

Zu KW Automotive gehören mittlerweile weitere Aftermarket- und Zubehörmarken. Bereits 2001 übernahm man Weichert Fahrzeugteile mit der Fahrwerksmarke Weitec. Im Zuge der Internationalisierung und Expansion kamen 2005 die US-Marken ST Suspensions und Belltech hinzu. In der jüngsten Vergangenheit wuchs KW Automotive durch die Übernahme weiterer Unternehmen. So ergänzte KW durch den Kauf von Reiger Suspension sein breit gefächertes Angebot an individuellen Fahrwerklösungen für die Zielgruppe Offroad. Ebenfalls zu KW gehört inzwischen BBS. Die Rädermarke kehrte unter dem Dach von KW zu ihren Wurzeln zurück: der Entwicklung und Fertigung von Rädern für Automobilenthusiasten. Aber neben individuellen Fahrwerklösungen für Motorsport und Automobilenthusiasten entstand durch die Integration von AL-KO Damping Technology mit ihren zwei Standorten eine weitere Unternehmung: die KW Damping Technology.

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