Neuanfang Audi: Als niemand mehr Räng-däng-däng wollte

Von Steffen Dominsky 5 min Lesedauer

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Am 13. August 1965 rollte der erste Audi nach dem Zweiten Weltkrieg vom Band. Mit dem neuen alten Markennamen wollte die Auto Union GmbH zeigen, dass das Modell für einen technischen Neuanfang steht: Der Audi 60 ist das erste Automobil des Unternehmens mit Vierzylinder-Viertaktmotor.

Flache Gürtellinie, knappes Röckchen: Der „Audi“, wie der neue DKW hieß, war ein optisch wie technisch modernes Automobil. Vor 60 Jahren rettete es die Auto Union GmbH vor dem Untergang.(Bild:  AUDI AG)
Flache Gürtellinie, knappes Röckchen: Der „Audi“, wie der neue DKW hieß, war ein optisch wie technisch modernes Automobil. Vor 60 Jahren rettete es die Auto Union GmbH vor dem Untergang.
(Bild: AUDI AG)

Als der „neue Audi“ – wie er im Pressetext zur Weltpremiere auf der IAA genannt wird – 1965 auf den Markt kam, befand sich die Auto Union GmbH, das Vorgängerunternehmen der heutigen Audi AG, in einer wirtschaftlich schwierigen Lage. Dabei war die Firma herausfordernde Jahre durchaus gewohnt, schließlich war schon der Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg alles andere als einfach: Deutschland lag in Trümmern, die sächsische Auto Union AG wurde zerschlagen und hatte keine Zukunft. In diesen Nachkriegswirren gingen ehemalige Auto-Union-Angehörige in den Westen und gründeten in Ingolstadt zunächst ein Zentraldepot für Ersatzteile, 1949 dann die Auto Union GmbH. Die junge Firma stieg „wieder“ in die Fahrzeugproduktion ein: Ihre ersten Modelle, Motorräder und Lieferwagen der Marke DKW fanden in den Zeiten von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder reichlich Absatz.

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Mit wachsendem Wohlstand der Bevölkerung stiegen zugleich auch die Ansprüche ans Automobil. Die auf der Vorkriegstechnik mit ihren Zweitaktmotoren basierenden Modelle galten Mitte der 60er-Jahre als nicht mehr zeitgemäß – die Marke DKW als „out“. Insbesondere das lange Festhalten am Zweitaktmotor lässt die Verkaufszahlen kontinuierlich sinken: Das letzte Zweitaktmodell der Auto Union, der DKW F 102, bleibt trotz seines modernen Designs ein Ladenhüter. Und so steckten die Ingolstädter Auto Union GmbH in der Krise, was dazu führte, dass sich die Daimler-Benz AG, von 1958 bis 1964 Eigentümerin der Auto Union, von ihrem Sorgenkind trennen wollte. In Folge verkaufte sie ihre Anteile Schritt für Schritt an die Volkswagenwerk AG. Das war die Rettung für die Ingolstädter. Als erste Unterstützungsleistung fungierte der Käfer, der fortan auch in Ingolstadt montiert wurde. Zwischen 1965 und 1969 entstanden in Bayern fast 348.000 Exemplare des Volkswagen 1200/1300.

Die Marke DKW war verbrannt

Noch viel entscheidender für die weitere Zukunft des Unternehmens erwies sich eine Entscheidung, die die alte Eigentümerin Daimler-Benz AG Anfang der 60er getroffen hatte: Sie stellte ihrer Tochter einen Viertaktmotor zur Verfügung. Zudem entsandten die Stuttgarter den Ingenieur Ludwig Kraus nach Ingolstadt, der dort später Chefentwickler wurde. Kraus brachte den neuen Motor bei der Auto Union zur Serienreife und schuf so die Voraussetzungen für das erste Auto aus Ingolstadt mit Viertaktmotor. 1965 kam der „neue Audi“ auf den Markt – 25 Jahre nachdem im Zuge der kriegsbedingten Produktionseinstellung 1940 der letzte Audi 920 das Montageband im sächsischen Zwickau verlassen hatte, und 55 Jahre nachdem mit dem Audi Typ A 10/22 PS das erste Audi-Automobil überhaupt ausgeliefert worden war.

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In Ingolstadt wollte man den technischen Wandel auch mit dem Namen des neuen Modells sichtbar machen. Der Markenname „DKW“, seit jeher eng mit dem Zweitaktmotor verbunden, sollte künftig für Fahrzeuge der Auto Union GmbH nicht mehr verwendet werden. Stattdessen erhielt der neue Wagen den aus der Vorkriegszeit bekannten Namen „Audi“ – zunächst ganz ohne weiteren Zusatz und ohne eigene Typenbezeichnung. Im Handel stand der Neue als Auto Union „Typ Audi“, intern zählte man in der DKW-Nomenklatur einfach weiter. Und so wurde aus dem DKW F 102 der Audi F 103. Der wurde dann zum Begründer einer ganzen Baureihe.

Aus dem Ur-Audi entstand eine ganze Fahrzeugfamilie

Und noch ein Detail ist aus Sicht des Historikers wichtig: Beim Namen für das neue Auto handelt es sich um eine reine Modellbezeichnung, der Name des Unternehmens lautete 1965 nach wie vor Auto Union GmbH. Erst 20 Jahre später entstand die Audi AG. Seither tragen Unternehmen und Produkte den gleichen, kurzen und einprägsamen Namen: Audi.

Mit dem Aufkommen weiterer Modelle und Leistungsstufen gesellten sich zum neuen Audi der Audi 80, Audi Super 90, Audi 75 und Audi 60. Allein dem ersten Audi blieb die „72“ während seiner gesamten Bauzeit verwehrt. Er hieß lediglich inoffiziell, bei Kundschaft und Presse, „Audi 72“ oder „Audi (72 PS)“. Seit August 1965 fuhr er nun also vom Band, der neue Audi – ab dem Frühjahr 1966 gab es ihn dann auch als Kombi; wie bei Volkswagen als „Variant“ bezeichnet. Die Limousinenmodelle gab es zwei- und viertürig, auf Wunsch auch in gehobener Ausstattung – mit dem Namenszusatz „L“.

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Die Sache mit dem Mitteldruckmotor

1966 ergänzte der Audi 80 mit einer Leistung von 80 PS die Baureihe, wenig später gab es als Spitzenmodell den reichhaltig ausgestatteten Audi Super 90. Er unterscheidet sich optisch unter anderem durch serienmäßig verchromte Zierleisten an den Radläufen von den anderen Modellen und erreichte mit seinem hubraumgrößeren Motor und einer Leistung von 90 PS eine Höchstgeschwindigkeit von mehr als 160 km/h – zu dieser Zeit ein respektabler Wert. 1968 rundete das Volumenmodell Audi 60 mit 55 PS die Palette ab und der Audi 75 ersetzte die Varianten mit 72 und 80 PS.

Nicht nur in der Werbung war und ist beim Nachkriegs-Audi stets vom „Mitteldruckmotor“ die Rede. Und das kam so: Der 1,7-Liter-Motor verfügt über ein ungewöhnlich hohes Verdichtungsverhältnis für einen Benziner von 11,2:1 und damit zwischen dem eines damals typischen Otto- und einem Dieselmotor. Er ist auch länger als der DKW-Dreizylinder – deshalb muss der DKW F 102, der für den neuen Audi als Ausgangsbasis dient, um 100 Millimeter verlängert und der Kühler neben dem Motor auf der linken Seite schrägstehend eingebaut werden. Statt der runden Scheinwerfer wie im verchromten Grill des F 102 erhält der Audi Rechteckscheinwerfer in einem etwas breiteren schwarzen Kühlergitter. Serienmäßig gab es ein Vierganggetriebe mit Lenkradschaltung, ein Automatikgetriebe nicht. Wie sein Vorgänger hat der neue Audi innen am Getriebe angebrachte Scheibenbremsen.

Das Modell, das den Turn-around ermöglichte

Die Abkehr vom Zweitakter hatte Signalwirkung: Bereits in den ersten drei Monaten konnten vom neuen Audi 16.000 Stück abgesetzt werden. In seiner insgesamt siebenjährigen Bauzeit wurde der F 103 nur geringfügig verändert. Zum Modelljahr 1970 erhielten alle Modelle parallellaufende anstelle der gegenläufigen Scheibenwischer sowie ein neu gestaltetes Armaturenbrett. Nun konnten Kunden gegen Aufpreis auch eine Mittelschaltung statt der serienmäßigen Lenkradschaltung bestellen. Im Sommer 1970 wurde bei den Limousinen der Tankstutzen vom Heck in das rechte hintere Seitenteil verlegt und die Rückleuchten wurden stilistisch denen des seit 1968 gebauten Audi 100, der die erfolgreiche C-Baureihe bei Audi begründet, angeglichen.

Den Auto Union „Typ Audi“ baute man bis zum Sommer 1972. Seine Nachfolge trat Mitte 1972 der komplett neu entwickelte Audi 80 an. Das kleinste Modell der F 103 Familie, der Audi 60, war das erfolgreichste: Mehr als die Hälfte aller gebauten Audi der ersten Generation (416.852 Fahrzeuge) waren Audi 60 und Audi 60 L, insgesamt 216.987 Exemplare. Die Verkaufszahlen zeigen, wie bedeutend das Auto für die Marke mit den vier Ringen war. Mit ihm gelang den Ingolstädtern die technische und wirtschaftliche Trendwende für die Auto Union.

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