Nutzfahrzeugrestauration Back to the roots … roads

Von Steffen Dominsky 7 min Lesedauer

In den 90ern tourte die Kelly Family mit ihm durch Europa. Nun ist der Bristol Lodekka, ein nicht ganz typischer englischer Doppeldeckerbus, voll restauriert wieder zurück auf der Straße – auch dank Dekra.

Freuen sich über die positive Begutachtung des restaurierten Doppeldeckers: (v. l.) Guido Kutschera (Dekra), Joey Kelly, Carsten Bräuer und Thomas Stüßer (Dekra).(Bild:  Miller Kommunikation)
Freuen sich über die positive Begutachtung des restaurierten Doppeldeckers: (v. l.) Guido Kutschera (Dekra), Joey Kelly, Carsten Bräuer und Thomas Stüßer (Dekra).
(Bild: Miller Kommunikation)

Er ist nicht nur ein echter Eye-catcher und Oldtimer, sondern auch ein Stück Musikgeschichte auf Rädern: der legendäre Doppeldecker-Bus, mit dem die Kelly Family in den 90er-Jahren durch die Lander tourte. Seit Kurzem ist er wieder zurück auf der Straße. Nach seinem ersten Leben als britisches Transportgut für den Personennahverkehr kutschierte er in seinem zweiten bis in die späten 80er-Jahre,jetzt mit offenem Oberdeck, Touristen durch London. Dann kaufte ihn die Kelly Family und funktionierte ihn in seinem dritten Leben zum Tourbus um: Unten wurde gewohnt, das Oberdeck fungierte als mobile Bühne. Bis Ende der 90er war der Bus so im Einsatz. Danach musterte ihn die Familie aufgrund technischer Probleme aus – seitdem stand das gute Stück. Vor ein paar Jahren erinnerte sich Joe Kelly des treuen Begleiters auf sechs Rädern und barg das mittlerweile stark verfallene Ex-Familienmitglied. Was folgte war ein ziemlich ausgefallene Wiederflottmachung.

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Immerhin verfügt solch ein Bus über einen Ticken mehr Karosseriefläche als ein Pkw. Von Rost befreit und blechmäßig instand gesetzt wurde die Außenhaut im Herbst 2024 im Rahmen einer 48-Stunden-Mammutaktion bei IRS Gerardy in Polch lackiert – Fahrzeug+Karosserie berichtete. Die rund 90 Quadratmeter englischen Stahlblechs frisch lackiert wanderte auch der charakteristische Schriftzug der Kelly Family wieder aufs satte rot. „Selbst wenn das ein wichtiger Schritt war und der Bus äußerlich schon wieder ganz gut aussah: Was die Technik angeht, ging es dann eigentlich erst so richtig los“, erzählt Carsten Bräuer im Interview mit „Fahrzeug+Karosserie“. Der Dekra-Oldtimer-Experte stieß recht frühzeitig zu dem Projekt und war eine wertvolle Hilfe für alle Beteiligten.

Die „periodengerechte Technik“

Motor, Fahrwerk, Bremsen, Unterboden, Elektrik, Lichttechnik – alles musste von Grund auf überprüft bzw. überholt oder erneuert werden. Regelmäßig schaute der Dekra-Sachverständige vorbei, sah sich die Fortschritte an und gab Hinweise. Zum Glück für Joe Kelly erwies sich der Rahmen des Bristols als kerngesund – er schrie lediglich nach einer Entrostung und erneuter Versiegelung. Dafür bereiteten scheinbare Banalitäten den Beteiligten einiges Kopfzerbrechen. So war ein defekter Radbremszylinder – beim Bremssystem des Busses handelt es sich um eine pneumatisch unterstützte Hydraulikbremse („Air-over-hydraulic“) – nicht für Geld und gute Worte zu bekommen. Nach langer Suche fand sich dann in Norddeutschland eine Firma, die den alten Zylinder fachmännisch überholte.

Auch die Reiheneinspritzpumpe des 6-Zylinder-Dieselmotors der Marke Gardner verlangte nach vollständigem Ersatz. Beim restlichen Antrieb waren es hingegen nur einige „kleinere“ Undichtigkeiten, die es zu kurieren galt. Wobei das mit dem Kurieren nicht heißt, dass Öl, beispielsweise entlang einer Welle, nicht auch künftig einen Weg nach draußen finden würde. Schließlich entstammt das Vehikel einer Epoche, da hatte man eben das Prinzip der Verlustschmierung überwunden und ein paar Tropfen hier und da gehör(t)en quasi zum guten Ton. „Es ist nun mal eine periodengerechte Technik, auch heute noch“, schmunzelt Carsten Bräuer.

Herausforderung Wiederzulassung

Nachdem die ganze Technik überholt und das Fahrzeug fertig für die Straße war, galt es eine letzte, nicht ganz unwesentliche Hürde zu nehmen: die der Wiederzulassung. Um die zu erlangen, sprich erneut am öffentlichen Straßenverkehr in Deutschland teilnehmen zu dürfen, brauchte der Bristol Lodekka eine „Einzelabnahme“ – schließlich war er deutlich mehr als sieben Jahre nicht mehr zugelassen. „Die sogenannte Vollabnahme erleichtert hat die Tatsache, dass das Fahrzeug schon einmal in Deutschland zugelassen war, auch wenn die Fahrzeugdokumente aus diesen Jahren nicht mehr existierten“, führt Dekra-Oldtimer-Experte Bräuer ins Feld.

Um Joey Kelly beim Fahren des britischen Oldtimers entgegenzukommen, ist dieser jetzt als Pkw zugelassen, genauer gesagt als „Universalfahrzeug“ mit 8+1 Sitzplätzen. Und das trotz einem Gesamtgewicht von rund zehn Tonnen, denn ein Maximalgewicht gibt es für Pkw nicht. Das erleichtert Herrn Kelly, und auch anderen, das Fahren mit dem Bus. Denn erstens benötigt er/sie so keinen Lkw-Führerschein und zweitens keinen „P-Schein“ zur Personenbeförderung. Was man oder besser gesagt der Bus auch nicht benötigt, genauso wie in seinem ersten Leben, sind Sicherheitsgurte – Haltestangen müssen es im Zweifel richten.

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Der flache Doppeldecker

Die Bristol Commercial Vehicles in England bauten zwischen 1949 und 1968 über 5.200 Exemplare des Bristol Lodekka. Doppeldeckerbus hat eine niedrigere Gesamthöhe als die sonstigen britischen Doppeldeckbustypen, sodass er auch auf Straßen mit niedrigen Brückendurchfahrten eingesetzt werden konnte (englisch: lowbridge). Der Bus besitzt ein halbseitiges Führerhaus. Das Unterdeck ist niedriger ausgeführt, um die Gesamthöhe des Fahrzeugs zu verringern. Die meisten Fahrzeuge wurden von Fünf- bzw. Sechszylinder-Dieselmotoren von Gardner angetrieben, bei einigen wurden Motoren von Bristol oder Leyland verwendet. Nachdem ab dem Ende der 60er-Jahre in Großbritannien der Einmannbetrieb (ohne Schaffner) für Doppeldeckerbusse gesetzlich erlaubt wurde, wurden die Lodekkas zunehmend von moderneren Bussen mit Einstiegen vor der Vorderachse verdrängt. Ein Teil der Lodekkas fand als Fahrschulfahrzeuge Verwendung. Die Firma Top Deck Travel baute zwischen 1973 und 1997 ungefähr hundert Busse zu Decker-home-Wohnmobilen um. Abnehmer des Lodekka waren verschiedene Busunternehmen in Großbritannien. In den 70er Jahren wurde der Bus durch die britische Fernsehserie On the Buses mit Reg Varney und Bob Grant populär.

Nur Cabriostehen, kein Cabriofahren!

Stichwort Stangen: Auf dem Oberdeck musste die gesamte Reling 20 Zentimeter höher gesetzt werden. „Das schreibt zwar nicht die StVZO vor, wohl aber die sogenannten UVVs, die Unfallverhütungsvorschriften“, merkt Carsten Bräuer an. Und ja, das Oberdeck ist während der Fahrt selbstverständlich tabu. Schließlich endet die Windschutzscheibe hier bei stolzen 3,8 Meter Gesamthöhe. Wer da mit seinem Scheitel drüber hinausschaut, der könnte ziemlich schnell keinen solchen mehr haben. Ebenfalls in die Kategorie „Stange“ fällt das, was im Kelly-Bus nun als Diebstahlsicherung seinen Dienst tut: Ein Metallrohr mit zwei „Ohren“, das zwischen Lenkrad und Bremse eingespannt, eine unerlaubte Nutzung des Fahrzeugs verhindern soll. Ein solches fordert und gestattet die StVZO als „loses Zubehör“ – fest verbaut verlangte die deutsche Ordnung eine Diebstahlsicherung erst ab 1962.

Nicht drum herum kam der einstige 70-Sitzer um die Nachrüstung eines Warnblinkers, über den er bislang nicht verfügte. Seine Beleuchtung hingegen war bereits in früherer Zeit „europakonform“ umgerüstet worden, und auch ein Tachograph war bereits vor Jahren ins Armaturenbrett gewandert. Genauso problemlos wie die Beleuchtungs- verlief auch die Bremsenprüfung. Da der Bristol Lodekka nicht über eine EG-Druckluftbremsanlage verfügt und es somit auch keinerlei Bezugsbremskräfte für ihn gibt, fiel besagte Prüfung entsprechend einem Pkw kurz und knapp aus: Es reichte eine Fahrt in/über den Bremsprüfstand, bei der die Bremskräfte der Betriebsbremse für die Vorder- und Hinterachse sowie der Feststellbremse an der Hinterachse ermittelt wurden. „Generell erreichen die von mir ermittelten Verzögerungswerte natürlich nicht das Niveau moderner Bremsanlagen von heute“, antwortet Ingenieur Bräuer leicht süffisant auf die Frage „Und wie bremst solch ein roter Riese?“.

Die erste Fahrt: zum Nürburgring

„Wenn man ein solches Mammutprojekt anpackt, braucht man die richtigen Partner“, blickt Joey Kelly. „Die Begleitung durch Dekra während des gesamten Prozesses war ein unschätzbarer Wert. Ich habe mich einfach in sicheren Händen gefühlt: Der spezialisierte Sachverständige sagt dir, was noch gemacht werden muss, und warum. Du kannst dich auf die Expertise wirklich verlassen. Das war im besten Sinne von Anfang an ein gemeinsames Projekt.“ Das hat auch der Dekra-Oldtimer-Experte so erlebt. „So etwas hat man auch als Sachverständiger nicht jeden Tag. Da steht ein Stück Kulturgeschichte vor einem, und es ist schon etwas Besonderes, es gemeinsam wieder so weit zu bringen, dass es funktionstüchtig und sicher ist“, sagt Carsten Bräuer. „In dem Bus steckt viel Herzblut von allen Beteiligten, und ich als Oldtimer-Fan freue mich sehr über den erfolgreichen Abschluss des Projekts.“

Die formal Abnahme des Kelly-Tourbusses erfolgte im April in der Dekra-Prüfstelle in Bonn. Dort wurde der Bus im Rahmen der Einzelbegutachtung nach § 21 StVZO noch einmal überprüft. Damit steht seiner erneuten Zulassung für den Straßenverkehr nichts mehr im Weg. Das erste Reiseziel hatte Joey Kelly schon während der Restaurierung ausgerufen. „Ich fahre mit dem Bus nach Wacken“, so sein ambitionierter Plan. Doch aus diesem wurde nichts. Vielleicht waren selbst dem Extremtourengänger Joey Kelly 500 Kilometer Arbeit hinter dem Lenkrad einfach zu viel? Stattdessen brummte der Musiker am dritten August-Wochenende mit dem Doppeldecker zum DTM-Rennwochenende auf dem Nürburgring. „Der Bus war 28 Jahre eingelagert und ist unter der Aufsicht von Dekra aufwendig restauriert worden. Übrigens: Kelly selbst ist Motorsport- und Nürburgring-Fan: „Ich bin selbst drei Jahre lang in kleineren Klassen gefahren und war viermal beim 24-Stunden-Rennen dabei. Ich liebe die Nordschleife, der Ring ist mein Ding“, verriet er.

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