Dekra

Crashtest mit E-Autos: Flammenloses Inferno

| Autor: Ottmar Holz

Mit Tempo 84 gegen einen Mast: Trotz des verheerenden Schadens durch die hohe Aufprallgeschwindigkeit fängt der Akku des Nissan Leaf kein Feuer.
Mit Tempo 84 gegen einen Mast: Trotz des verheerenden Schadens durch die hohe Aufprallgeschwindigkeit fängt der Akku des Nissan Leaf kein Feuer. (Bild: Ottmar Holz/»kfz-betrieb)

Ganz unspektakulär hallt ein Warnsignal über die betonierte Freifläche. Ab jetzt hat der graue Nissan Leaf nur noch wenige Sekunden Lebenszeit vor sich. Mit einem zischenden Geräusch rast er ungebremst seinem Ende entgegen – und zerschellt frontal mit einem dumpfen Knall an einer erikaviolett lackierten Metallsäule. Wegbrechende Bauteile wirbeln in Fahrtrichtung durch die Luft und zeugen von der verheerenden Wucht des Aufpralls. Viele Meter entfernt trudelt der abgerissene Außenspiegel aus und starrt schließlich auf dem Boden liegend wie ein blindes Auge in den regengrauen Himmel über dem „Crash Test Center“ von Dekra im schleswig-holsteinischen Neumünster.

Der Anschlagpuffer des linken Federbeins kullert in die Nähe des Spiegels. Der Stoßdämpfer hat sich samt Rad ebenfalls davongemacht. Die unverrückt dastehende Metallsäule hat die Windschutzscheibe und den gesamten Motorraum des Stromers zerstört. Das geborstene Armaturenbrett quetscht die Beine des Dummys unter sich ein.

Doch das eigentlich erwartete Ereignis bleibt aus. Kein noch so kleines Flämmchen entsteigt dem Wrack des kleinen Nissans. Genauso wenig passierte dies bei einem baugleichen Modell, das wenige Stunden vorher schon sein kurzes Autoleben an dem unnachgiebigen Mast aushauchen musste.

Jenseits von NCAP

Die beiden Leafs fanden ihr abruptes Ende im Rahmen eines Verkehrsunfallforschungsprojekts von Dekra und der Universitätsmedizin Göttingen. Unter den Augen von gut 170 eingeladenen Feuerwehrangehörigen, Unfallsachbearbeitern von Versicherungen und Journalisten zerstörten die Mitarbeiter des Dekra-Crashtestcenters Neumünster die voll aufgeladenen Fahrzeuge in einem Extremszenario – im Frontal- und Seitencrash gegen einen Pfahl.

In ersten Tests hatten ein Renault Zoe und ein Nissan Leaf unter NCAP-Bedingungen keine Brandneigung gezeigt. Daher wurden für die genannten weiteren das Tempo deutlich erhöht. Mit 75 Stundenkilometern im Seitenaufprall und 84 Stundenkilometern beim Frontalcrash erreichten die Forscher Geschwindigkeitsregionen, bei denen die Fahrzeuginsassen trotz aller Sicherheitstechnik keine realistische Überlebenschance mehr besitzen.

Die Hochvolttechnik jedoch zeigte sich unbeeindruckt. Trotz massiver Beschädigung der Akkupacks – gerade beim Seitenaufprall – entzündeten sich diese nicht. Die verbauten Temperatursensoren in den Fahrzeugen meldeten keine Erwärmung. Die Sicherheitsabschaltung des Hochvoltantriebs funktionierte einwandfrei – die anwesenden Mitglieder der Berufsfeuerwehr Neumünster mussten nicht eingreifen. Der erfreulicherweise ausgebliebene Akkubrand stellte die Forscher im weiteren Verlauf der Veranstaltung jedoch vor ein kleines Problem.

Willkommene Trainingsobjekte

Das Crashverhaltens bei Hochgeschwindigkeit zu überprüfen, war nicht der einzige Punkt auf der Agenda. Ein weiterer Partner des Forschungsprojektes ist die Firma Weber Hydraulik, ein Anbieter von hydraulischen Rettungsgeräten und Praxisseminaren zur Unfallrettung. Ein Team von „Weber Rescue Systems“ nutzte die extrem verformten Autos, um den Einsatz diverser Rettungsscheren und Hydraulikspreizer für die Bergung eingeklemmter Personen zu üben.

Wie aus Kreisen der Rettungskräfte zu hören war, zeigt die im Verlauf der letzten Jahre immer weiter gestiegene Festigkeit der Fahrgastzellen deutlich Wirkung. Symptomatisch: Sogar nach dem Aufprall mit 84 Stundenkilometern ließ sich die Fahrertüre noch problemlos öffnen. Vor allem in Ballungsgebiete mit entsprechenden innerstädtischen Tempolimits werden kaum noch Fahrzeuginsassen eingeklemmt.

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