Kaskoversicherung Abschleppen bis zur Heimatwerkstatt

Autor / Redakteur: Joachim Otting / Dipl. Ing. (FH) Konrad Wenz

Der Kunde verunfallt fern der Heimat, das Auto muss abgeschleppt werden, eine Reparatur ist beabsichtigt. Gern würde der Kunde den Auftrag „bis nach Hause“ geben, aber die Schadenminderungspflicht spricht angeblich dagegen.

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Rechtsanwalt Joachim Otting informiert Sie über die aktuelle Rechtsprechung.
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(Bild: VBM Archiv)

Kunden, die fern der Heimat einen Unfall haben, konnten ihr Fahrzeug bisher nur bis zur nächstgelegenen qualifizierten Werkstatt abschleppen lassen – Grund dafür ist die Schadenminderungspflicht. Bei Kaskoschäden ist „nur bis zur nächsten geeigneten Werkstatt“ richtig, weil das in der Regel im Kaskovertrag so vereinbart ist.

Doch für Haftpflichtschäden gibt es inzwischen viele Urteile, die dem Geschädigten zubilligen, sein Fahrzeug zur Heimatwerkstatt schleppen zu lassen. Den Ausgangspunkt nahm diese Urteilsserie beim AG München, das sich auf zwei Argumente stützt: Das in der Fremde reparierte Fahrzeug später dort abzuholen, kostet auch Geld und verursacht einen unzumutbaren Zeitaufwand. Und außerdem müsste der Geschädigte bei Reparaturmängeln wegen der Nachbesserung wieder den weiten Weg auf sich nehmen, was dann auch unzumutbar wäre (Urteil vom 6.10.2014 – 322 C 27990/13).

Zu diesen Argumenten kam in dem Fall des AG Ingolstadt hinzu, dass der Geschädigte im Abschleppwagen mitfuhr und so ein Mietwagentag gespart wurde (Urteil vom 18.2.2016 – 10 C 2291/15). Auch das AG Siegburg begründet das mit dem Kosten- und Zeitaufwand der Abholung des reparierten Fahrzeugs (Urteil vom 14.4.2016 – 124 C 7/16).

Das AG Rosenheim sagt: Jedenfalls dann, wenn der Geschädigte bisher seiner Heimatwerkstatt bei allen Reparaturen treu war, darf er das bei einem Haftpflichtschaden fahrunfähig gewordene Fahrzeug auf Kosten des Schädigers in seine etwa 120 km entfernte Heimatwerkstatt schleppen lassen (Urteil vom 12.5.2017 – 8 C 90/17). Damit sagt das Gericht nicht, dass das nicht auch allgemein gelten kann. Es ist die typische gerichtliche Arbeitsweise, den Fall so zu bearbeiten, wie er vorliegt.

Auch beim Totalschaden

Wenn sich am Ende herausstellt, dass der Geschädigte die Schadenhöhe falsch eingeschätzt hat und ein Totalschaden vorliegt, ist zu differenzieren: Das Recht des Geschädigten, sein Fahrzeug zur Heimatwerkstatt schleppen zu lassen, besteht auch dann fort, wenn sich das Schadenbild für den Geschädigten zunächst nicht als totalschadenverdächtig darstellte, sich am Ende aber doch als Totalschaden entpuppt. (AG Waiblingen, Urteil vom 9.8.2017 – 13 C 890/17, AG Ingolstadt, Urteil vom 18.2.2016 – 10 C 2291/15). Umgekehrt heißt das, dass ein offensichtlicher Totalschaden nur bis zu einem sicheren Abstellplatz in Unfallortnähe geschleppt werden darf, denn auch von dort aus lässt er sich verwerten.

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