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Oldtimer Allzeit fahrbereit: Die Geschichte eines der ersten VW Bullis

| Autor: Steffen Dominsky

Ob sie jemals über ein Tigerfell gestolpert beziehungsweise gefahren ist oder ein solches transportiert hat? Wir wissen es nicht. Aber sicher ist, dass der taubenblaue VW-Transporter mit dem wohlklingenden Namen Sofie mit seinen 70 Jahren der älteste noch zugelassene T1 der Welt ist.

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„Sofie“, das ist der älteste zugelassene VW-Bus der Welt. Dieser Tage feiert die rüstige Dame ihren Siebzigsten.
„Sofie“, das ist der älteste zugelassene VW-Bus der Welt. Dieser Tage feiert die rüstige Dame ihren Siebzigsten.
(Bild: VWN)

Auch wenn Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl gerne von der „Gnade der späten Geburt“ sprach, in automobilhistorischen Kreisen ist es meist das Umgekehrte, was anzieht, was als „besonders“ und „begehrenswert“ gilt: die frühe Geburt. Mit anderen Worten: Die Erstgeborenen eines Typs sind es, die bei Sammlern und Fans einer Marke ganz hoch im Kurs stehen. So ist es auch bei Volkswagen im Allgemeinen, und beim „Bulli“ im Besonderen. Schließlich ist es zum einen bereits 70 Jahre her, dass der erste Transporter vom Band lief. Zudem war er ein waschechtes Nutzfahrzeug – das musste arbeiten und wurde nicht gehegt.

So ist er – oder besser: sie – etwas ganz Besonderes. „Sie“, das ist Sofie.

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Sofie erblickt vor genau 70 Jahren als VW-Transporter der ersten Generation (T1) im Werk Wolfsburg das Licht der Welt. Ausgeliefert wird die neueste Fahrzeugkreation des Käfer-Produzenten nach Hildesheim, um dort im gewerblichen Dienst ihrem Bestimmungszweck, Waren von A nach B zu bringen, nachzukommen. Nach diesem Einsatz verschwindet der VW-Bus fast 20 Jahre in privaten Sammlungen, bevor er Anfang der Neunzigerjahre durch einen Bulli-Liebhaber wieder in den Verkehr gebracht wird. Nach einer Vollrestaurierung befindet sich das Fahrzeug seit Ende 2014 in der Sammlung von Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer. Anlässlich ihres 70. Geburtstags erzählt die rüstige Dame Sofie noch einmal von ausgewählten Stationen ihres Lebens.

Malochen für das Wirtschaftswunder

Am 8. März 1950 beginnt im Volkswagen-Werk die Serienfertigung des VW Transporters, des Typ 2 (Typ 1 war der VW Käfer). Dieser Typ 2 ist das Universalgenie der Wirtschaftswunderzeit. Schnell wird er zum Liebling der Gewerbetreibenden. So auch der taubenblaue Kastenwagen mit der Fahrgestellnummer 20-1880, der am 5. August 1950 vom Band rollt. Für Hildesheim und seinen neuen Besitzer ist er damals sicher etwas sehr Bedeutsames. Denn es ist der erste Bulli in der niedersächsischen Stadt. 23 Jahre lang düst er durch jede noch so enge Gasse in Hildesheim, bevor der Gewerbebetrieb den Wagen in den (Vor-)Ruhestand schickt und an einen Sammler verkauft.

Von 1973 bis 1992 steht der Bulli bei verschiedenen VW-Liebhabern in deren Sammlung. Der bis dato letzte Besitzer versucht, das Fahrzeug über das Fanclubmagazin der „Brezelfenstervereinigung e.V.“ zu verkaufen. Es klappt aber nicht im ersten Anlauf. Aus heutiger Sicht fast unvorstellbar: Die Nachfrage nach so einem gebrauchten „Nutzfahrzeug“ ist damals nicht sehr groß. Erst nach mehreren Anzeigen (üblicherweise ohne Foto und nur mit ein paar Zeilen Text) wird im Verlauf des Jahres der Däne Tonny Larsen auf den „Trapo“ aufmerksam. Er kauft ihn ungesehen am Telefon, nachdem er erfährt, dass der Wagen die niedrigste Fahrgestellnummer hat, die zu dem Zeitpunkt in der Bulli-Szene bekannt ist.

Der Bulli wird die Sofie und startet in den zweiten Frühling

Mit stolzen 42 Jahren auf den Achsen und weniger als 100.000 Kilometern auf dem Tacho geht es somit 1992 auf dem Abschleppwagen nach Dänemark. Da 19 Jahre Stillstand einem Auto nicht gut tun, werden erstmal die nötigsten Teile getauscht, um wieder mit dem Bulli fahren zu können. Tonny ist sich sofort sicher, dass der Wagen eine lange Zeit bei ihm bleiben wird und gibt ihm einen Namen: In Anlehnung an den ersten T1, der je nach Dänemark ausgeliefert wurde, tauft er sein Schmuckstück „Sofie“. Denn dieser hieß ebenfalls so. Anfang 2000 beginnt Tonny eine aufwendige und zeitintensive Vollrestaurierung, die mit der ersten Probefahrt im Frühjahr 2003 zum VW-Treffen nach Bad Camberg endet. Es soll bei weitem nicht die letzte Fahrt des Dänen mit Sofie sein. Über 20.000 Kilometer legten sie gemeinsam durch Europa zurück. Oft zu Bulli-Treffen, wo Sofie immer das Highlight ist – meist prämiert als „schönster Bulli“. Der älteste ist sie dort ja sowieso.

Aber nicht nur Sofie wird „reifer“. Auch Tonny verspürt irgendwann das Gefühl, zu alt zu sein, um immer noch auf Achse zu gehen – im Gegensatz zu Sofie, die sich dank seiner liebevollen Pflege bester Gesundheit erfreut. Er will häuslicher werden und Sofie in gute Hände abgeben. Aber sie soll nicht wieder für viele Jahre in dunklen privaten Sammlungen verschwinden. Sofie soll gesehen werden, reisen, mit dem neuen Besitzer schöne Dinge erleben und möglichst viele Menschen erfreuen.

Zurück in der Heimat den Unruhestand genießen

Während Tonny mit Angeboten von Sammlern überhäuft wird, kommt es in Hannover im Frühjahr 2014 zu einer schicksalhaften Begegnung am Rande des Besuchs des Kronprinzen von Dänemark bei Volkswagen Nutzfahrzeuge. Der begleitende Importeur erzählt beiläufig, dass in Dänemark ein Bulli von 1950 eine neue Heimat sucht. Schon bald darauf gibt es erste Kontakte mit Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) Oldtimer. Tonny ist begeistert von der Idee, dass Sofie ein wichtiger Teil der Sammlung von VWN werden könnte. Die wochenlangen Gespräche finden ihren Höhepunkt in seinem denkwürdigen Satz: „Deshalb würde ich lieber Sofie an dich verkaufen, wo sie immer noch Leute zum Lächeln bringen kann ... :-).“

Die Freude bei den Hannoveranern war riesig, und Ende 2014 kam Sofie in die Stadt des Bulli. Beim Abschied sagt Tonny mit Tränen in den Augen: „Ich weiß, dass es ihr zu Hause am besten geht.“ Er sollte Recht behalten. Sofie hat seitdem schon viel erlebt und unzähligen Menschen große Freude bereitet und Erinnerungen geweckt. So auch bei ihrer jüngsten Tour zu einigen Meilensteinen ihres Lebens. Egal ob im Werk Wolfsburg, in Hildesheim oder in Hannover. Sobald Sofie vorfährt, gibt es ein Fotoshooting wie an einem roten Teppich. Sie ist unbestritten ein Star des Bulli-Kults. Angestoßen hat Sofie im kleinen Kreis mit ihren Bulli-Freunden aus der Sammlung von VWN Oldtimer. Den Gerüchten nach gab es frisches Motoröl und eine Mulligatawny (scharfe Curry-Suppe, die Miss Sophie bei „Dinner for one“ verspeist). Dann mal Prost und „Cheerio, Miss Sofie!“: Auf die nächsten 70 Jahre!

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "bike & busines", "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group