Picasso, Warhol, HA Schult Die Geschichte der Art Cars

Quelle: sp-x

Das Auto als Kunstwerk, diese Idee genießt auch bei Kunstsammlern an zunehmender Popularität. Sie entdecken die Faszination und den Wert von Fahrzeugen, die Meister wie Warhol bemalt und gestaltet haben.

„Ich liebe dieses Auto. Es ist besser gelungen als das Kunstwerk“, befindet Andy Warhol, nachdem er den BMW M1 mit schwungvollen Pinselstrichen in das vierte Exemplar der BMW Art Car Collection verwandelt hat.
„Ich liebe dieses Auto. Es ist besser gelungen als das Kunstwerk“, befindet Andy Warhol, nachdem er den BMW M1 mit schwungvollen Pinselstrichen in das vierte Exemplar der BMW Art Car Collection verwandelt hat.
(Bild: BMW AG )

Und immer wieder sind es Speed-Ikonen, die Sehnsüchte projizieren und als Sammler-Objekte in die Tempel der schönen Künste oder die Wohnzimmer wohlhabender Sportwagen-Enthusiasten einziehen.Tempogeladene Luxuslabels wie Lamborghini und Bugatti oder der experimentelle Prototypenspezialist Rinspeed gießen die schnellen Formen ihrer Vmax-Modelle – neuerdings sogar als streng limitierte virtuelle NFT-Kunstwerke. Diese sogenannten Non-Fungible-Token werden von avantgardistischen Künstlern kreiert und bei Auktionen von Sammlern zu Höchstpreisen ersteigert.

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Kunst kreiert Aufmerksamkeit

Andere Marken wie BMW lassen Künstler mit Weltruf wie Robert Rauschenberg oder Cao Fei eine ganze Galerie aus Art-Car-Rennwagen gestalten. Die schwedische Marke Polestar wiederum versuchte unlängst Kunstwerke als Bezahlmittel zu etablieren, in dem sie das Sportcoupé Polestar 1 im Tausch gegen Kunstobjekte anbot.

Kunst kreiert Aufmerksamkeit, fördert Diskussionen und weckt Begehren – das haben auch automobile Zulieferer entdeckt. Alcantara etwa, italienischer Hersteller feiner Interieur Materialien, kleidet deshalb nicht nur Hypercars wie den Czinger 21C aus, sondern organisiert gleich interaktive Kunstausstellungen wie „The Portal Galleries“ in London.

Kunst kann scharfe Kritik am Auto üben, das zeigte Zulieferer Karmann schon 2001 in der Ausstellung „Die Kunst des Autos“. Vor allem aber fasziniert das Auto sogar in Zeiten der Verkehrswende als schnelles Art Car, wie der Hype um künstlerisch gestaltete Boliden verdeutlicht. Tatsächlich ist es die Faszination der Geschwindigkeit, die Sportwagenfans und Künstler seit jeher auf gleiche Art berauscht und inspiriert, aber auf höchst unterschiedliche Weise herausfordert.

Schon in der Pionierzeit des Automobils, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, avancierten die Piloten furioser Renn- und Rekordwagen, etwa beim Gordon-Bennett Cup oder der Targa Florio, zu siegreichen oder aber tragischen Helden, die von den Massenmedien gefeiert wurden.

Thematisierung der Massenmotorisierung

Dagegen beschäftigten sich die Künstler mit der Herausforderung, die fließend-rasante Bewegung der Automobile über Bilder und Skulpturen einzufangen. Futurismus nannte sich die Kunstströmung, die vor 110 Jahren die Geschwindigkeit von Automobilen und Licht auf die Leinwand brachte. Der Italiener Giacomo Balla war einer ihrer wichtigsten Vertreter.

Aber auch Bildhauer wie Umberto Boccioni setzten sich in ihren Arbeiten mit Racern auseinander. In den folgenden Jahrzehnten symbolisierte das Automobil technologischen und gesellschaftlichen Fortschritt, veränderte andererseits das Bild der Städte und verstörte durch hohe Unfallzahlen.

So fanden sich kritische Auseinandersetzungen mit der Massenmotorisierung schon bei Dadaisten und Karikaturisten, während wiederum etwa Bauhauskünstler wie Walter Gropius gerne Karosseriekonzepte für schnelle Achtzylinder wie den Adler Standard 8 entwarfen. Auch Salvador Dalí integrierte Automobile von Beginn an in seine surrealistischen Kunstwerke.

Die Golden Fifties und Swinging Sixties spiegelten ebenfalls diese ambivalente Beziehung zwischen Kunst und Fahrzeug. Amerikanische Jugendliche feierten Pop-Art-Bemalungen wie Chrom und Flammen an ihren PS starken Hot-Rods und Muscle Cars.

Dagegen verglich der französische Philosoph Roland Barthes zukunftsweisende Automobile wie den vom Bildhauer Flaminio Bertoni gestalteten Citroen DS 19 mit der vollendeten Architektur großer gotischer Kathedralen.

Rekorderlös für ein automobiles Kunstwerk

Sogar Pablo Picasso würdigte die DS Limousine: Der spanische Jahrhundertkünstler veredelte das Fahrzeug eines Journalisten, der Picasso eigentlich besucht hatte, um ein Interview zu führen, mit dem Bild von Familien, Blumen und Baum. Prompt erwarb ein Pariser Galerist den Citroen zum sechsfachen Neupreis – ein früher Rekorderlös für ein Art Car. Später benannte Citroen sogar Modellreihen nach Picasso.

Das erste automobile Kunstwerk, das einen zweistelligen Millionenerlös erzielte, stammt von Roy Lichtenstein: Sein 1963 vollendetes Bild „In The Car“ visualisiertes das Thema Tempo durch horizontale Linien und wurde später von Christies für 16,2 Millionen Dollar versteigert.

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Ganz anders dagegen die psychedelisch-bemalten Autos der Pop- und Rock-Legenden aus den 1960ern. Die Lackierung von John Lennons Rolls-Royce Phantom V spiegelt die Farben des 1967 veröffentlichten Album-Covers „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" wider. Und Janis Joplins Porsche 356 SC sollte 1968 die Entstehung des Universums in blumen-bunten Farben erzählen.

Da wirkte „Blue Lena“, der Bentley des Rolling-Stones-Gitarristen Keith Richards, fast profan, hätte er nicht kunstvoll ausgearbeitete Details wie Geheimfächer für berauschende Substanzen. Natürlich stand die Community der Flower-Power-Bewegung nicht nach: Die psychedelisch dekorierten VW Bullis umrahmten Woodstock und andere Festivals.

Schnelle Kunstwerke auf Rädern

Smog, Staus, Ölkrisen und verstörend hohe Zahlen an Verkehrstoten führten zeitgleich zu einer Flut an Ausstellungen, in denen sich Künstler kritisch mit dem Auto auseinandersetzen und etwa einen Volvo als Betonsarg ins Zentrum eines schwedischen Skulpturenparks setzen.

Und trotzdem: Die Magie furioser Geschwindigkeit initiierte einen beispiellosen Reigen an schnellen Kunstwerken auf Rädern. So begründeten Alex Calder (1975, BMW 3.0 CSL), Frank Stella (1976, BMW 3.0 CSL), Andy Warhol (1979, BMW M1), David Hockney (1995, BMW 850i) und Jeff Koons (2010, BMW M3 GT2 und 2022, „The 8X“) die Serie der BMW Art Cars, die bis heute fortgesetzt wird und vor allem Rennwagen stilisiert, die tatsächlich Motorsportruhm ernteten.

Aufmerksamkeitsträchtige Inszenierung

Andy Warhol arbeitete 1986 außerdem als Künstler für Mercedes-Benz und inszenierte in Auftragsarbeiten vor allem Speed-Symbole wie einen Silberpfeil W 196 R oder einen 300 SL Flügeltürer. Flügel verlieh auch der Kölner Aktionskünstler HA Schult einem Fahrzeug: Seit 1991 flattert sein „Goldener Vogel“, ein Ford Fiesta mit goldfarben lackierten Flügeln, auf dem Turm des Kölner Stadtmuseums – und avancierte zum drittbekanntesten Kölner Denkmal. Dagegen sind es 1992 in der Schweiz 420 Pferde des Künstlers Rolf Knie, die auf einem Rinspeed Nissan 300 ZX „Speed-Art“ zelebrieren und internationale Anerkennung finden.

So viel Interesse an Art & Cars, das führt nicht nur zu immer mehr Vernissagen und Ausstellungen, sondern lässt im neuen Jahrtausend eine Welle an Art-Car-Festivals florieren. Darunter Events à la „Art Basel Miami“, Kunstshows wie die Düsseldorfer Ausstellung „PS: Ich liebe Dich!“ oder aber Auktionen, die regelmäßig von skulpturalen Sportwagen geprägt werden. Sei es von einem rostrot gestalteten Bugatti Veyron als schnellstes Kunst-Auto der Welt oder von NFT-Kunstwerken, wie sie speziell Lamborghini lanciert.

Darunter das „Space Time Memory“, das einen Lamborghini als Rakete ins Weltall starten lässt oder der Lamborghini „Ultimate Drop“ als erster NFT-Supersportwagen im Format 1:1. Den Kunst-Mix aus NFTs, Apps und real existierenden Art-Cars verbindet ein Motiv: Alles ist im Fluss beziehungsweise in schneller Fahrt.

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