Durchstarten 2021 Flexibel bleiben und den Markt beobachten

Autor Dr. Holger Schweitzer

Beim Münchener Karosserie- und Lackierfachbetrieb Ostermeier GmbH nutzte Geschäftsführer Benedikt Müller die Zeit der Corona-Pandemie, um die Prozesse in seinem Betrieb rundum digital abzubilden, um so neue Geschäftsfelder erschließen zu können.

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In der Krise Chancen suchen, um gestärkt daraus hervorzugehen. Nach diesem Motto führte Benedikt Müller, Geschäftsführer der Ostermeier GmbH, im vergangenen Jahr in seinem Unternehmen vollständig digitale Prozesse ein.
In der Krise Chancen suchen, um gestärkt daraus hervorzugehen. Nach diesem Motto führte Benedikt Müller, Geschäftsführer der Ostermeier GmbH, im vergangenen Jahr in seinem Unternehmen vollständig digitale Prozesse ein.
(Bild: Benedikt Müller)

Herr Müller, wie steht es um die aktuelle Stimmungslage in Ihrem Unternehmen?

Durchwachsen, denn auch bei uns im Betrieb herrscht durch die rückläufige Auftragslage vermehrt seit dem zweiten Lockdown Unsicherheit. Dennoch hält unser Team zusammen und beweist besonders in dieser schwierigen Zeit Flexibilität.

Wie hat sich Ihr Betrieb auf das Jahr 2021 vorbereitet – was waren beziehungsweise sind die wichtigsten Schritte?

Wir haben die ruhige Zeit dazu genutzt, uns neu aufzustellen. Während sich andere Branchen fit gemacht haben für Homeoffice und Co., haben wir uns digital aufgestellt und unsere Arbeitsweise komplett umgekrempelt: von der analogen Auftragswand mit Auftragskarten hin zur digitalen Planung mit Tablets, unter tagesaktueller Berücksichtigung der Kapazitäten von Arbeitskraft, Leihwagen, etc. Damit einhergehend wechselten wir im Bereich der Kalkulation von Audatex zu DAT. Somit haben wir den Grundstein dafür gelegt, nicht nur in der Technik der Reparaturmethoden nach höchsten Standards zu arbeiten, sondern uns auch in der Verwaltung hochmodern aufzustellen. Wir sind nun noch besser in der Lage, wirklich jeden Kunden zu bedienen und können uns so auch sukzessive immer mehr der Schadensteuerung widmen. Die digitale Arbeitsweise erlaubt uns, die komplexen Prozesse digital und effizient abzubilden und beinahe jede gewünschte Schnittstelle zu bedienen. Die fehlenden Schulungsmöglichkeiten im Bereich Technik wegen ausgefallener Präsenzveranstaltungen werden wir sobald wie möglich aufholen.

Was war für Ihr Unternehmen durch den Ausbruch der Corona-Pandemie besonders herausfordernd?

Unser Unternehmen war vor allem auf die Bedürfnisse von Flottenkunden ausgerichtet. Der Kundenmix war vor der Pandemie sehr interessant und hocheffizient. Allerdings war genau diese Klientel von den neuen Homeoffice-Regeln stark betroffen: Sie ist seit mittlerweile einem Jahr zum großen Teil nicht mehr mit den Flottenfahrzeugen unterwegs. Dies bedeutete für uns einen noch stärkeren Umsatzrückgang als für Kollegen, die einen breiteren Kundenmix bedienen.

Gab es auch positive Aspekte im Pandemie-Jahr 2020?

Durch die deutlich geringere Auftragslage hatten wir die Zeit, uns komplett neu aufzustellen. Bei normaler Auftragslage wäre dies fast undenkbar gewesen. Aber auch der persönliche Aspekt hat eine starke Rolle gespielt. Sowohl die Mitarbeiter als auch wir als Arbeitgeber haben gelernt, auf wen man sich wirklich verlassen kann.

Werden sich diese erfreulichen Begleiterscheinungen auch auf 2021 auswirken?

Wir sind nun dazu in der Lage, uns breiter aufzustellen, da wir auf Grund unserer digitalen Arbeitsweise viel effizienter arbeiten können. Wir werden Stück für Stück unseren Kundenmix anpassen. Sobald die Beschränkungen aufgehoben werden, können wir das Potenzial der Firma nochmals viel besser ausschöpfen.

Glauben Sie, dass wir zu einem „Normalzustand“ wie vor der Pandemie zurückkehren werden? Und wo sehen Sie Veränderungen?

Sicherlich wird der Homeoffice-Trend irgendwann wieder nachlassen. Die Unternehmen haben jedoch erkannt, dass diese Arbeitsweise auch künftig ein interessanter Lösungsansatz sein wird. Man erkennt die Kosteneinsparung im Bereich Immobilie, aber sicherlich auch im Bereich Fuhrpark. Einige unserer Großkunden haben bereits die Car-Policy angepasst, sodass der Fuhrpark deutlich schrumpfen wird. Somit müssen wir nicht nur übergangsweise, sondern auf lange Sicht mit weniger Aufträgen aus diesem Kundensegment rechnen. Die Zurückhaltung bei der Beauftragung durch Privatkunden wird sicherlich wieder zurückgehen. Allerdings wird es lange dauern, bis wir zu einer neuen Normalität gelangen. Gezwungenermaßen müssen derzeit viele Kunden vermehrt auf ihre Ausgaben achten. Dies wird sich wieder ändern. Aber manch einer wird auch künftig weniger Wert darauf legen, optische Schäden reparieren zu lassen. Andererseits werden Fahrzeuge eventuell länger genutzt, statt neue anzuschaffen. Das könnte wiederum zu einem erhöhten Reparaturaufwand führen. Auch die private Mobilität außerhalb von öffentlichen Verkehrsmitteln könnte sich positiv für uns auswirken. Wirklich planen können wir derzeit jedoch nicht. Für uns heißt das: weiterhin flexibel bleiben und den Markt sehr genau beobachten!

Wie sehen Sie die personelle Entwicklung in der Branche und für Ihr Unternehmen? Wird der Fachkräftemangel auch künftig ein großes Thema sein?

Für den Moment sehe ich hier weniger Herausforderungen. Aufgrund von Entlassungen oder Betriebsschließungen haben wir derzeit durchaus ausreichend Angebot an Personal. Sobald sich die Wirtschaft aber wieder erholt, werden wir vor den gleichen Problemen wie vor der Pandemie stehen. Eventuell könnte es leichte Verschiebungen im Bereich der Ausbildung geben. Der ein oder andere hat sicherlich erkannt und genau verfolgt, welche Branchen während eines Lockdowns weiterarbeiten konnten und welche ihre Tore komplett schließen mussten.

Welche Tipps/Ratschläge können Sie an Ihre Kollegen weitergeben?

Ehrlich gesagt möchte ich mir nicht anmaßen, meinen Kollegen Tipps oder Ratschläge zu geben. Wichtig ist es, sich oft und immer wieder mit ausgewählten Kollegen auszutauschen. Die Kernaussage, die ich mir immer selbst vor Augen halte, ist: Nicht aufgeben oder den Kopf in den Sand stecken. Jede Zeit bietet Chancen und Möglichkeiten. Man muss versuchen – so schwer es auch ist – gestärkt aus so einer Krise hervorzugehen, wenn sicherlich auch erst einmal nicht finanziell. Und glauben Sie mir: Auch für mich war und ist es sicherlich alles andere als einfach, solch eine Krise in meinem zweiten bzw. jetzt dritten Jahr nach der Betriebsübernahme zu meistern. Hierzu gehören viele schlaflose Nächte, Stress und persönliche Herausforderungen – neben der offenen Kommunikation mit Kunden, Banken oder auch Mitarbeitern. Letztlich wird man, wenn man es schafft durchzuhalten, aber auch an dieser Herausforderung wachsen.

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